Dabei sollen wir doch alle Bahn fahren

Autobahn schlägt Schiene: Deutschland kämpft mit der Verkehrswende

Mehr neue Autobahnkilometer als Schienenkilometer
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22. Mai 2020 - 14:08 Uhr

Straßenausbau hat weiterhin Priorität

Politiker und Umweltschützer rühren regelmäßig die Werbetrommel für die Bahn. Immerhin spielt der Zug als umweltfreundliches Verkehrsmittel eine zentrale Rolle beim Klimaschutzprogramm der Bundesregierung. Doch wenn es um den Ausbau geht, scheint die Straße nach wie vor Priorität zu haben. So wurden im vergangenen Jahr bei Autobahnen 61 Kilometer neu gebaut und 38 Kilometer ausgebaut. Bei Bundesstraßen waren es beim Neubau 122 Kilometer und 12 Kilometer bei Erweiterungen. Bei der Bahn kamen dagegen nur sechs Kilometer dazu. Die Zahlen gehen aus einer Anfrage der Grünen-Fraktion an die Bundesregierung hervor und beziehen sich auf vorläufige Berechnungen der Länderverwaltungen.

Grüne: Verkehrswende mit Andreas Scheuer nicht möglich

"Während das Bundesstraßennetz um mehrere hundert Kilometer im Jahr wächst, muss man sich beim Schienennetz für jeden Meter, um das es zulegt, freuen", kritisiert der Grünen-Verkehrspolitiker Matthias Gastel. Er glaubt, dass unter Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer keine Verkehrswende möglich sei. Und der Minister? Sein Ministerium beruft sich auf RTL-Anfrage auf das Klimaschutzprogramm 2030. In den nächsten zehn Jahren sollen demnach 86 Milliarden Euro in den Erhalt und die Modernisierung des Schienennetzes gesteckt werden.

100 Milliarden für Mobilität

Während in Deutschland also gestritten wird, ob hierzulande schon genug für nachhaltige Mobilität getan wird, will die EU-Kommission jetzt offenbar aufs Tempo drücken. 100 Milliarden Euro soll die Europäische Union für klimafreundliche Mobilität auf Straße und Schiene in die Hand nehmen, wie die Zeitungen der Funke Mediengruppe berichten. Eine EU-Sprecherin hat bei RTL bestätigt, dass der Milliarden-Vorschlag kommenden Mittwoch offiziell vorgestellt werden soll. Die Mobilitätsoffensive soll Teil des geplanten europäischen Wiederaufbauprogramms sein, das für die Zeit nach Corona bestimmt ist.

Das Geld ist dem Vorschlag zufolge sowohl für klimafreundliche Autos, als auch für die Schiene gedacht. 40 Milliarden Euro könnten demnach in die Bahn gesteckt werden, damit in Europa wichtige Schienennetze ausgebaut werden. Bis zu 60 Milliarden Euro sind dem Bericht zufolge für die Entwicklung von emissionsfreien Autos geplant. Auch zwei Millionen Ladesäulen sollen gebaut werden.

Streit um Kaufprämien

Die EU will emissionsfreie Autos fördern
Die EU will emissionsfreie Autos fördern
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Streit gibt es allerdings darum, ob es Kaufanreize für "saubere Autos" geben sollte. Wie aus dem Bericht der Funke Mediengruppe hervorgeht, hatten führende europäische Automanager darauf gedrängt. Die Branche hat zu kämpfen. Wegen der Corona-Krise waren die Auto-Absätze in der EU im April um mehr als 76 Prozent eingebrochen.

Die Hersteller hoffen, dass sich das mit Kaufprämien ändern könnte. Auch in Deutschland hoffen Daimler, BMW und Volkswagen noch auf Kaufprämien, am liebsten auch für Verbrenner. Sie wollen damit die Folgen der Corona-Krise abfedern.

Bei Umweltschützern und auch Mobilitätsforschern kommt das nicht gut an. Schon Anfang Mai sagte der Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung im RTL-Interview: "Die Autobranche hat es in den letzten Jahrzehnten geschafft, sich als systemrelevant darzustellen, was sie eigentlich gar nicht ist. Denn sie hat keine Antworten auf die Zukunft." Ob die Autoindustrie die Zukunft mit oder ohne Kaufprämie gestalten muss, wird in den kommenden Wochen entschieden.