Vor Gipfel mit Bundeskanzlerin

Auto-Bosse fordern staatliche Kaufprämie auch für Benziner und Dieselautos

08. September 2020 - 15:12 Uhr

Schwerpunkte Digitalisierung und autonomes Fahren

Mitten in der Corona-Krise berät Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit der Autoindustrie über die schwierige Lage der deutschen Schlüsselbranche und zentrale Zukunftsfragen. Schwerpunkte einer Videokonferenz sollen strategische Fragen sein wie Digitalisierung, Vernetzung und autonomes Fahren. Allerdings belastet die Corona-Krise die Autoindustrie, die Nachfrage ist deutlich zurückgegangen.

800.000 Menschen direkt in der Autoindustrie beschäftigt

Viele Firmen, vor allem Zulieferer, kämpfen mit großen Problemen. Deswegen sind vor den Beratungen Forderungen nach einer stärkeren Unterstützung aufgekommen. Die Autoindustrie beschäftigt direkt mehr als 800.000 Menschen in Deutschland.

An der Konferenz nehmen neben Merkel und Bundesministern auch Vertreter der Autoindustrie sowie von Gewerkschaften teil - dazu die Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg, in denen die großen Hersteller VW, BMW und Daimler ihren Sitz haben. Konkrete Beschlüsse wurden im Vorfeld nicht erwartet.

Streit um staatliche Kaufprämien geht weiter

Die Autoindustrie befindet sich in einem schwierigen Übergang hin zu alternativen Antrieben, dazu kommt der digitale Wandel. Die Autoindustrie hatte im Juni in der Debatte um ein Konjunkturpaket staatliche Kaufprämien auch für moderne Benziner und Dieselautos gefordert, um die Nachfrage anzukurbeln. Dies aber war am Widerstand vor allem der SPD gescheitert. Die schwarz-rote Koalition hatte höhere staatliche Prämien beim Kauf von Elektroautos beschlossen. Zudem sollte die Senkung der Mehrwertsteuer die Nachfrage ankurbeln. Zuletzt sind deutlich mehr neue E-Autos zugelassen worden.

IG Metall, Grüne und SPD machten sich vor den Beratungen mit Merkel für einen staatlichen Beteiligungsfonds stark, der vor allem mittelständischen Zulieferern in der Autoindustrie zu Hilfe kommen soll. Das Ziel: Jobs sollen gesichert werden, die Firmen sollen über finanzielle Engpässe hinwegkommen und weiter in den Branchenwandel investieren können. Der Autoverband VDA machte deutlich, dass die Krise in der Branche noch längst nicht ausgestanden sei. "Die Lage vieler Unternehmen ist weiterhin angespannt", sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller.

Entsprechend warnt auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln: Autos "Made in Germany" - über Jahrzehnte Garanten für Wachstum und Jobs - könnten nicht mehr automatisch Hauptmotor der deutschen Volkswirtschaft sein. Es gibt zeitgleiche Verwerfungen auf der Angebotsseite (Lieferketten) und bei der Nachfrage (Absatzstau).

Im Video erklärt RTL-Börsenexpertin Katja Dofel, warum die Reichweitenangst von Elektroauto-Besitzer für die Hersteller zu einem echten Problem wird.

LobbyControl will keinen „Auto-Klüngelgipfel"

Für den Wandel hin zu alternativen Antrieben und mehr Internet im Auto müssen die Unternehmen viel Geld investieren. Der IT-Verband Bitkom wies darauf hin, die Digitalisierung verändere die Autoindustrie viel massiver, als es Corona je könnte. "Beim Auto rücken Software und Sensorik immer mehr in den Mittelpunkt", sagte Bitkom-Präsident Achim Berg. Im Koalitionsvertrag sei angekündigt worden, eine digitale Mobilitätsplattform einzurichten, um neue und existierende Mobilitätsangebote benutzerfreundlich miteinander zu vernetzen. "Dieses Projekt gilt es jetzt mit Hochdruck und den notwendigen Mitteln voranzutreiben."

Doch Kritiker werfen der Branche - ähnlich wie Stromkonzernen bei der Energiewende - vor, zu lange zu wenig für den Wandel getan zu haben. Auch Vorreiter wie BMW mit dem Kompaktwagen i3 hätten zu spät mit neuen E-Modellen nachgelegt. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) erklärte, ein per Verbrenner-Prämie angepeilter Abverkauf der Lagerbestände nütze nur finanziell gut dastehenden Autokonzernen. Und LobbyControl fordert, auch die Zivilgesellschaft einzuladen und keinen "Auto-Klüngelgipfel" zu veranstalten.

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Quelle: DPA / RTL.de