Mehr als 1.300 Frauen siegen vor Gericht

Australien: Mütter litten Qualen durch fehlerhafte Scheidenimplantate

© dpa, Joel Carrett, jc ea

21. November 2019 - 15:47 Uhr

Höllische Schmerzen durch fehlerhafte Vaginal-Netze

Sie sollten Frauen nach der Geburt helfen – aber die Scheidenimplantate eines US-Konzerns machten alles nur noch schlimmer. Statt ihren Beckenboden zu stärken, verursachten die fehlerhaften Vaginal-Netze höllische Qualen. Jahrelang glaubte den Betroffenen niemand, viele leiden noch immer an chronischen Schmerzen. Jetzt, nach einem monatelangen und tränenreichen Prozess, haben mehr als 1.300 Frauen vor Gericht gegen den Hersteller gewonnen. Bei der Entwicklung des Produkts sei "fahrlässig" gehandelt worden.

Prozess gegen Vaginalnetz-Hersteller: Frauen wie "Meerschweinchen" behandelt

Die fehlerhaften Netze – im Englischen: "pelvic mesh" oder "transvaginal mesh" – waren in Australien mehr als zehn Jahre lang im Handel, bis 2017. Sie bestanden aus synthetischem Gewebe und sollten Frauen helfen, die nach der Geburt ihres Kindes an einer Beckenboden-Senkung oder unkontrolliertem Urinverlust litten. Die Implantate sollten überdehntes oder gerissenes Gewebe unterstützen.

Im Falle einer Beckenbodensenkung sacken Organe wegen geschwächter Muskulatur in den Vaginalkanal ab. Ein Vaginal-Netz kann Abhilfe schaffen: Es wird mit einer Operation im Becken fixiert und soll – ähnlich wie eine Hängematte – die absackenden Organe auffangen und stützen. Die Harnblase zählt zu den am häufigsten betroffenen Organen.

Das Problem bei den australischen Implantaten: Sie seien nie richtig getestet worden, sagte die Richterin in der Urteilsbegründung. Es habe keine Belege gegeben, dass sie tatsächlich sicher waren – die Risiken seien sogar bekannt gewesen. Wie Meerschweinchen seien die betroffenen Frauen behandelt worden: "Erst verkaufen, dann testen", so habe das Motto des Unternehmens gelautet.

Durch fehlerhaftes Implantat: "Als ob ich eine Rasierklinge in der Vagina hätte"

Hunderte Frauen ließen sich die fehlerhaften Vaginal-Netze einsetzen – und litten Höllenqualen. Gewebeschäden, Entzündungen, Inkontinenz. Dass die Implantate daran Schuld sein könnten, glaubte ihnen zunächst niemand. Einige Frauen konnten vor Schmerzen kaum mehr laufen – bekamen aber von ihren Partnern, Vorgesetzten und sogar Ärzten zu hören, sie sollten sich nicht so anstellen.

Eine Patientin sagte aus, das Netz habe ihre Scheidenwand zerfressen – es sei, "als ob ich eine Rasierklinge in der Vagina hätte". Unzählige weitere gaben an, seit der Operation beim Sex starke Schmerzen zu haben. Intimität sei kaum mehr möglich, ihre Partnerschaften hätten enorm gelitten.

Entwickelt wurden die Netze von dem Pharmaunternehmen Ethicon, das zu Johnson & Johnson gehört. Auf den Hersteller kommen jetzt hohe Schmerzensgeld-Forderungen zu. An der Klage hatten sich 1.350 Frauen beteiligt – eine der größten Produkt-Sammelklagen in der australischen Rechtsgeschichte.