SS-Schergen waren seine Helden

Der Jude, der früher ein Nazi war

14. Juli 2020 - 16:18 Uhr

Ein Alltag voller Hitler, Himmler und Hass

Hitler und Himmler waren seine Helden, Judenhass bestimmte seinen Alltag: Vor zehn Jahren hieß Yonatan noch Lutz Langer. Er war bekennender Neonazi aus Ostberlin, führte seine Kameradschaft mit an. Doch dann stellte er sich immer mehr Fragen, auf die der Rechtsextremismus keine Antworten kannte, bis er seine Erfüllung in Religion fand – und selbst zum Juden wurde.

Neonazi wollte Juden töten

"Wir hatten ganz konkrete Vorstellungen, ein von Ausländern betriebenes Restaurant in die zu Luft zu sprengen oder Politiker umzubringen", erinnert sich Yonatan. Er habe mit seinen Kameraden auch ganz konkret darüber gesprochen, Juden zu töten.

Yonatan wuchs im Plattenbau im Berliner Stadtteil Marzahn auf – er bekam viel Liebe, hatte eine behütete Kindheit. Doch dann die Wende: Als er mit 14 Jahren mit Karate anfing, lernte er im Verein die falschen Freunde kennen. Der Berliner wurde Neonazi, führte die Gruppe an.

"Dann bröckelt die Ideologie"

Doch mit den Jahren kamen ihm Zweifel: Er stellte Fragen, fand bei den Rechtsextremen keine Antworten mehr. "Dann bröckelt das so, dann bröckelt die Ideologie, dann bröckelt das Bewusstsein über die Welt, was man so erreichten kann, was man so vom Leben will. Dann habe ich mich auf den Weg gemacht und hab so geschaut, wie ich Antworten bekomme."

Er stieß auf die überlieferten Schriften des Judentums: "Als ich Kabbala gefunden habe, das hat so tief etwas in mir erweckt. Da war klar, dass ich viel ändern muss in meinem Leben. Hass auf Juden geht nicht, wenn man von Juden lernen will."

Rechtsextremist lernte heimlich jüdische Schriften

Yonatan ging in Berlin heimlich Kabbala lernen, die mystische Lehre im Judentum. Seinen Neonazi-Freunden sagte er nichts, hatte Angst. Zwei Jahre lang lebte er in beiden Welten: Yonatan lernte Kabbala von Juden, ging dann zu seinen rechtsextremen Freunden und hetzte gegen Juden.

Doch je mehr Kabbala er lernte, desto klarer wurde ihm sein Weg. "Und dann wusste ich, das ist das, was ich machen will. Ich habe keine Ahnung, was hier passiert ist. Aber ich wollte mehr davon lernen."

Wut und Hass wurden zur entfernten Erinnerung

Yonatan lernte, entschloss sich, Jude zu werden und machte den nächsten großen Schritt: Er wanderte nach Israel aus. Im Kabbala-Center fand er sein neues Zuhause. "Mir gefällt es. Es ist noch einiges zu arbeiten, aber ich fühle mich jetzt wohl mit mir selber und ich weiß, wenn ich diesen Weg weitergehe, und weiter an mir arbeite, dass ich noch viel mehr entdecken kann."

In Israel will Yonatan bleiben, eine Familie gründen. Wut und Hass hat er hinter sich gelassen. Der Neonazi, der er mal war, ist nur noch eine ferne Erinnerung.

Aussteigerprogramm für Rechtsextremisten

Mitglieder der rechten Szene, die diese verlassen wollen und Hilfe suchen, können sich beispielsweise an das Bundesbauministerium wenden. Dort gibt es ein eigenes Aussteigerprogramm für Rechtsextremisten.