Wie kam es zum Gewaltausbruch in Stuttgart?

Psychologischer Berater erklärt, wie Randalierer ticken

22. Juni 2020 - 17:41 Uhr

Routine-Kontrolle der Polizei Stuttgart artete in Massenrandale aus

Nach den Ausschreitungen in Stuttgart in der Nacht zum Sonntag beschäftigt viele vor allem eine Frage: Wie konnte die Polizeikontrolle eines einzelnen Jugendlichen so viele Aggressionen auslösen, dass am Ende 400 bis 500 Menschen in der Stadt randalierten? Der Psychologische Berater Holger Schlageter erklärt im RTL-Interview, was zu so einem Massen-Gewaltausbruch führen kann. Im Video beantwortet er die drei wichtigsten Fragen zu den Krawallmachern.

Ausschreitungen in Stuttgart: Ein aggressiver Mensch kann unmöglich 500 friedliche Menschen mitreißen

Eins steht für den Experten fest: Bei vielen Menschen müssen bereits Aggressionen angestaut gewesen sein, sonst wäre die Situation nicht so eskaliert. "Es ist völlig unmöglich, dass ein aggressiver Mensch 500 friedliche Menschen mitreißt", erklärt Schlageter. "Das muss auf einen fruchtbaren Boden gefallen sein, das heißt, in dieser Masse war schon eine Grundaggression", vermutet der Psychologische Berater.

Er glaubt, dass mehrere Faktoren die Situation in Stuttgart so explosiv gemacht haben könnten. Zum einen die Corona-Beschränkungen: Durch den Lockdown hätten die Menschen weniger Gelegenheit gehabt, Druck abzubauen, zum Beispiel im Fußballstadion oder bei Feiern. "Menschen, die ausrasten, sind immer Menschen, die vorher ihre Gefühle nicht gemanagt haben", erklärt er. Viele hätten ihre Emotionen in der Corona-Zeit offenbar so lange aufgestaut, dass sie sich nun destruktiv entladen haben.

Wie brutal die Randalierer in Stuttgart vorgingen, erzählt hier der Besitzer einer Eisdiele im RTL-Interview. 

Gefährliche Gruppendynamik verstärkt die Entladung von Emotionen

Was hinzukommt: In der Stuttgarter Krawallnacht waren viele Jugendliche und sehr junge Erwachsene beteiligt. Gerade die hätten oft noch nicht gelernt, mit ihren Emotionen umzugehen. Vielen würde es schwerfallen, über ihre Gefühle zu reden und beispielsweise zu äußern: "Ich bin jetzt echt sauer", erklärt der Psychologische Berater im Interview. Das sei aber wichtig, denn wenn man seine Gefühle immer wegdrückt und herunterschluckt, würde man irgendwann explodieren. Für Außenstehende könne das dann so aussehen, als käme das ganz plötzlich, doch innerlich müsse da schon länger Unruhe geherrscht haben, so Schlageter.

Der dritte Aspekt, der laut dem Experten eine Rolle gespielt haben könnte: Viele Beteiligte hatten getrunken. "Alkohol baut Grenzen ab", so der Experte. Wer getrunken habe, fühle sich mutiger und stärker als sonst. Und wenn dann eine größere Gruppe anfinge, ein Gefühl auszuleben, das man als Einzelner auch empfindet, könne eine gefährliche Dynamik entstehen. Der Einzelne würde sich in der Gruppe plötzlich mehr trauen, als er das alleine normalerweise tun würde.

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