18. Juli 2016 - 19:20 Uhr

Erdogan ruft Volk zum Protest gegen Putschisten auf

Dramatische Stunden in der Türkei: Nach einem Putschversuch des Militärs haben sich in der Nacht zum Samstag die Ereignisse überschlagen. Es gab Berichte über Tote und Verletzte sowie schwere Explosionen. Die Lage war völlig unübersichtlich. Ersten Angaben der Nachrichtenagentur DHA zufolge wurden in Istanbul sechs Zivilisten durch Schüsse getötet und fast hundert verletzt.

Türkische Streitkräfte begannen am späten Freitagabend mit einem Putschversuch gegen den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan - einem wichtigen, aber umstrittenen Partner der Europäischen Union in der Flüchtlingskrise. Das Militär übernahm nach eigenen Angaben die Kontrolle über das Nato-Land - das Präsidialamt und Regierungsvertreter bestritten dies allerdings.

Erdogan rief in einem live übertragenen Telefonanruf beim Sender CNN Türk das Volk zu öffentlichen Versammlungen gegen die Putschisten auf. In Istanbul waren nach Augenzeugenberichten Schüsse in den Straßen zu hören. Kampfjets flogen im Tiefflug über die Stadt. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, bei einem Luftangriff der Putschisten auf das Hauptquartier der Spezialkräfte der Polizei in Ankara seien 17 Polizisten getötet worden. Außerdem sei ein Hubschrauber der Putschisten in Ankara von F-16-Kampfflugzeugen abgeschossen worden.

Ministerpräsident Binali Yildirim sagte, einige Anführer des Putschversuchs seien festgenommen worden. "Die Demokratie wird gewinnen", sagte Yildirim nach Angaben aus dem Präsidentenpalast. Die Verantwortlichen würden bestraft werden. "Das ist ein Angriff gegen die türkische Demokratie", teilte das Präsidialamt mit. "Eine Gruppe innerhalb der Streitkräfte hat außerhalb der Kommandostruktur einen Versuch unternommen, die demokratisch gewählte Regierung zu stürzen." Die türkische Armee sieht sich als Wächterin der weltlichen Verfassung des Landes und hatte in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt gegen die Zivilregierung geputscht.

Verkehr am Atatürk-Flughafen gestoppt

Putschversuch in der Türkei
Tausende Gegner des Putsches gingen in der Nacht auf die Straße.

Die Putschisten verhängten derweil eine Ausgangssperre im ganzen Land. Die Ausgangssperre diene der Sicherheit der Bürger, hieß es in einer Erklärung, die Putschisten im Staatssender TRT 1 verlesen ließen. Mit dem Putsch sollten unter anderem die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederhergestellt werden, teilte das Militär nach Angaben der privaten Nachrichtenagentur DHA mit.

Einem Medienbericht zufolge hatte das Militär den Flugverkehr am Atatürk-Flughafen in Istanbul zwischenzeitlich gestoppt. Soldaten hätten den Tower am größten Flughafen des Landes unter ihre Kontrolle gebracht, meldete DHA. Nach Erdogans Aufruf drangen Demonstranten auf das Flughafengelände ein, wie die private Nachrichtenagentur DHA meldete. Das Militär sei daraufhin wieder abgezogen.

US-Präsident Barack Obama rief dazu auf, die demokratisch gewählte Regierung des Landes zu unterstützen. Gewalt und Blutvergießen müssten vermieden werden, hieß es in einer Mitteilung des Weißen Hauses. Obama hatte zuvor mit seinem Außenminister John Kerry telefoniert, der sich derzeit in Moskau aufhält. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg rief zu Zurückhaltung und Respekt vor den demokratischen Institutionen und der türkischen Verfassung auf. Die Türkei sei ein geschätzter Nato-Verbündeter, sagte Stoltenberg nach einem Telefonat mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu.

Die Bundesregierung verlangte die Respektierung der demokratischen Institutionen in der Türkei. "Die demokratische Ordnung in der Türkei muss respektiert werden", hieß es in einer Erklärung von Regierungssprecher Steffen Seibert, die über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet wurde. "Alles muss getan werden, um Menschenleben zu schützen."

Das Auswärtige Amt riet allen Deutschen in der Hauptstadt Ankara und in Istanbul zu "äußerster Vorsicht". "Bei unklarer Lage wird geraten, Wohnungen und Hotels im Zweifel nicht zu verlassen", sagte eine Sprecherin. Touristen und Geschäftsreisenden wurde empfohlen, Kontakt mit ihrem Reiseveranstalter oder ihrer Fluglinie aufzunehmen. Mehrere internationale Fluggesellschaften riefen ihre Maschinen zurück oder strichen Flüge. Die Lufthansa sagte vorerst alle Flüge aus der Türkei und in das Land hinein ab. "Wir werden bis morgen Mittag 12 Uhr alle Verbindungen von und in die Türkei streichen", sagte ein Konzernsprecher. Auch die Billigflug-Tochter Eurowings setzte alle Flüge zwischen Deutschland und der Türkei bis auf Weiteres aus.