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Aus der Duschgel-Flasche in die Flüsse: Mikroplastik, die unsichtbare Gefahr

Aus der Duschgel-Flasche in die Flüsse: Mikroplastik, die unsichtbare Gefahr

Von Annukka Aho-Ritter

19:00 Uhr, endlich zu Hause. Ich tapse mit meinem Lieblingspeeling unter die Dusche, um mir den Stress von der Haut zu schrubben. Feierabend. Doch während mein Tag sich dem Ende zuneigt, beginnt jetzt für Tausende kleiner Kunststoffperlen eine lange Reise. Ihr Weg führt zur nächsten Kläranlage, doch aufgrund ihrer geringen Größe können sie die Filter passieren und landen in Flüssen, Seen und im Meer. Dort werden sie von den Wasserbewohnern aufgenommen und gelangen so in die Nahrungskette. Und vielleicht landen die kleinen Kügelchen eines Tages auch auf meinem Teller. Keine appetitliche Vorstellung.

Mikroplastik – die unsichtbare Gefahr
Mikroplastik ist deutlich schädlicher für die Umwelt als bislang angenommen.
Daniel Ritter

Plastikteilchen, die kleiner sind als fünf Millimeter, werden als Mikroplastik bezeichnet. Hierzu zählen unter anderem eben jene kleine Plastikkügelchen, welche Zahncremes, Duschgels und Peelings als Scheuer- und Bindemittel zugesetzt werden – weil Plastik günstig, hygienisch, stabil und hautverträglich ist. Aber auch kleine Kunststofffasern, die sich z.B. beim Waschen aus Fleece-Kleidung lösen, gehören in diese Gruppe. Zudem kann aus normalem Plastikabfall mit der Zeit Mikroplastik entstehen, beispielsweise wenn im Meer durch UV-Strahlung, Sand und Wellenbewegung größere Kunststoffteile in kleine und kleinste Fragmente zerrieben werden.

Giftige Chemikalien reichern sich in der Nahrungskette an – bis zum Menschen

Mittlerweile ist klar, dass immer mehr Mikroplastik in die Umwelt gelangt. 2013 fanden deutsche Wissenschaftler am Gardasee über Tausend der kleinen Kunststoff-Teilchen pro Quadratmeter Sandstrand. Im März 2014 zeigten Forscher der Universität Wien, dass in der Donau im Schnitt mehr Plastikteilchen als Fischlarven vorkommen. Bei der Mehrheit dieser Teilchen handelt es sich um Mikro-Plastikkügelchen. Diese ähneln in Form und Größe Algen und Fischeiern, und werden von den Wasserbewohnern wie Nahrung aufgenommen. Durch den Kunststoffmüll im Bauch können die Tiere weniger natürliche Nahrung aufnehmen; im schlimmsten Fall verhungern sie mit vollem Magen. Mikroplastik wurde bereits in Muscheln, Fischen, Möwen, Schweinswalen und Seehunden nachgewiesen. Um die Auswirkungen von Plastikmüll auf die Natur genauer zu untersuchen, hat das Umweltbundesamt mehrere Forschungsaufträge vergeben.

Doch dies ist nicht die einzige Gefahr, die von Mikroplastik ausgeht. Die harmlos aussehenden Plastik-Perlen können schädliche Substanzen wie Weichmacher, Flammschutzmittel und UV-Filter enthalten. Zudem wirkt Mikroplastik wie ein Schwamm für viele Umweltgifte, beispielsweise Pestizide, Farbstoffe und Chlorverbindungen.

Viele dieser Substanzen stehen im Verdacht, krebserregend oder reproduktionstoxisch zu sein. Zusatzstoffe und Umweltgifte gelangen so in die Wasserorganismen. "Das Ganze kann sich über die gesamte Nahrungskette fortpflanzen", erklärt Professor Gerd Liebezeit von der Universität Oldenburg im NDR. Und am Ende der Nahrungskette steht der Mensch. Wie schädlich die kleinen Plastikfasern und Kunststoff-Kügelchen tatsächlich für den Menschen sind, lässt sich bisher nicht genau sagen – doch dass sie gesundheitsschädlich sein könnten, darüber sind sich die Experten einig.

Bisher gibt es keine gesetzlichen Regelungen zum Einsatz von Mikroplastik in Kosmetikartikeln und Körperpflegeprodukten. Einige Hersteller haben bereits angekündigt, freiwillig auf den Einsatz von Kunststoff-Partikeln verzichten zu wollen. Sollten jedoch nicht alle Hersteller mitmachen, will die Bundestagsfraktion der Grünen die Regierung dazu auffordern, tätig zu werden. Doch noch sind viele Produkte im Umlauf, die Mikroplastik enthalten.

Der 'Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland' hat deshalb eine Liste mit Artikeln zusammengestellt. Ob ein Produkt die kleinen Plastik-Perlen enthält, zeigt der Blick auf die Inhaltsstoffe: Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP) sind die am häufigsten in Pflegemitteln verwendeten Kunststoffe. Und wer sich nicht durchs Kleingedruckte quälen will, kann stattdessen zur Smartphone-App 'Beat the Microbead' greifen - die App erkennt anhand des Barcodes, ob das Produkt Mikroplastik enthält. Natürliche Alternativen zu den Kunststoff-Kügelchen sind z.B. Zucker, Salz, sowie zermahlene Pfirsichkerne und Kakaobohnen. Und wer würde sich nicht lieber mit Kakao statt Plastik reinigen?