Aufregung um Kuhglocken: Tierquälerei oder Schweizer Kulturgut?

22. Juli 2015 - 14:20 Uhr

Heftige Debatte im Netz

Sind die glücklichen Schweizer Alpenkühe in Wahrheit gequälte Tiere? Das behauptet jedenfalls die Niederländerin Nancy Holten, die in der Schweiz lebt. Sie meint: Die Kühe leiden unter der Last der Glocken und dem ständigen Gebimmel. Darum fordert sie medienwirksam den Kuhglocken-Brauch zu verbieten. "Für Kühe sind die Glocken in etwa so laut, als wenn wir uns einen Presslufthammer ans Ohr halten würden", meint die Tierfreundin.

Tierschützerin will Kuhglocken verbieten
In der Schweiz ist eine heftige Debatte entflammt, ob Kuhglocken Tierquälerei oder wichtiges Brauchtum sind.
© dpa, epa Keystone Peter Klaunzer

Mit Medienauftritten und der Facebook-Gruppe 'Kuhglocken out' kämpft die 41-Jährige seit rund einem Jahr dafür, den Schweizer Nationaltieren das Glockentragen zu ersparen. 2.200 Unterstützer konnte sie bereits überzeugen. Damit hat die dreifache Mutter eine Debatte über Tierschutz losgetreten und Schweizer Bauern, sowie Traditionalisten gegen sich aufgebracht.

Die Veganerin Holten muss einen waren Shitstorm über sich ergehen lassen. "Geh doch, du holländischer Trottel, geh zurück zu deinen Windmühlen und sammle Tulpen", schreibt ein aufgebrachter Internetnutzer. Auch bei Facebook formiert sich Wiederstand. Die Gruppe 'Pro Kuhglocken' hat mittlerweile 17.400 Mitglieder. Außerdem habe Holten anonyme Drohbriefe erhalten und jemand habe ihr mit einer Glocke in den Telefonhörer gebimmelt, sagt sie. Wenn der Schweizer ein uraltes "Brauchtum und Kulturgut" in Gefahr sieht, versteht er offensichtlich keinen Spaß.

Schweizer Bauern sind aufgebracht

Doch nicht nur Holten beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Gebimmels auf die Gesundheit der Kühe, auch eine Studie der 'Eidgenössischen Technischen Hochschule' (ETH) in Zürich untersuchte die Folgen des Glockentragens wissenschaftlich. Die Ergebnisse der Forscher, die gerne von Glockengegnern zitiert werden, sind allerdings nicht ganz so dramatisch, wie in Schweizer Medien zunächst dargestellt.

Das Experiment zeigte, dass an sechs Messtagen 19 Testkühe mit 5,5 Kilogramm schweren Glocken ihre Köpfe seltener bewegten als glockenlose Artgenossinnen. Zudem fraßen und ruhten sie weniger. Die Wiederkaudauer war pro Tier mit Glocke um 2,5 Stunden reduziert. Unklar allerdings, ob dies durch ein bestimmtes Gewicht oder den Ton der Glocken beeinflussbar sei, sagte Projektleiterin Edna Hillmann.

Die ETH-Forscher wiesen auch darauf hin, dass weitere umfangreiche und genauere Untersuchungen benötigt würden, um allgemeingültige Aussagen darüber treffen zu können, ob das Tragen einer Glocke das Wohlergehen einer Kuh beeinträchtige. Die Untersuchung sei lediglich eine erste Annäherung an das Thema gewesen.

Die Reaktion der Schweizer Viehwirte darauf war eindeutig. "Mein Gott, sind diese Forscher weltfremd", schimpfte zum Beispiel der Präsident des Schweizer Bauernverbands, Markus Ritter, im 'Tages-Anzeiger'. Die Glocken seien ganz einfach notwendig, um die Herden auf den weitläufigen Almwiesen im Hochgebirge zusammenzuhalten und die Kühe auch bei Nebel zu finden. Außerdem würden die Bauern gewöhnlich im Alltag viel leichtere und kleinere Glocken einsetzen als die Wissenschaftler in dem Experiment.

Auch der Schweizer Tourismus-Sprecher Alain Suter hält ein Verbot des "Soundtracks der Alpen" in nächster Zeit für eher unwahrscheinlich. Zu einer Wanderung in den Alpen gehört das Geläut von Kuhglocken einfach dazu. Doch die Glockengegner kämpfen weiter. Zuletzt ließ sich Holten selbst für ihre Kampagne mit einer Kuhglocke um den Hals auf einer Weide fotografieren.