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Aufklärung über Absturzursache von MH17: Internationaler Druck auf Putin wächst

Aufklärung über Absturzursache von MH17: Internationaler Druck auf Putin wächst

"Man muss alles tun, um die sichere Arbeit von Experten zu gewährleisten"

Die Klagen über Behinderungen und Provokationen am Absturzort der malaysischen Boeing 777-200 reißen nicht ab. Nachdem bereits Mitarbeiter der OSZE erfahren mussten, wie heikel das Arbeiten rund um das Flugzeugwrack ist, kommen nun Luftfahrt-Experten in das von Rebellen kontrollierte Gebiet bei Donezk, um das Unglück zu untersuchen.

Heikle Untersuchung an der Absturzstelle von MH17.
Bis zu 900 Aufständische schränken die Rettungskräfte nach ukrainischen Angaben bei ihren Arbeiten an der Absturzstelle ein.
dpa, Robert Ghement

"Die westlichen Länder wollen den Druck auf Russland erhöhen - weitere Maßnahmen und Sanktionen treffen - falls Putin nicht endlich aktiv an der Aufklärung des Unglücks mithilft", berichtet RTL-Reporter Jürgen Weichert aus Kiew.

Und der russische Präsident bewegt sich offensichtlich. In einer Videobotschaft sicherte er seine Unterstützung für die Initiative der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) zu, die an den Ermittlungen zur Absturzursache von Flug MH17 beteiligt ist. Ein internationales Team solle die Tragödie untersuchen. "Man muss alles tun, um die sichere Arbeit von Experten zu gewährleisten", betonte Putin. Am Absturzort nahe der Ortschaft Grabowo seien bereits Vertreter der Ukraine und aus Malaysia am Werk. "Das genügt aber nicht", so der Kremlchef.

Gleichzeitig wies Putin jede Verantwortung Russlands an dem Unglück zurück und warnte vor einem "Missbrauch" der Katastrophe. "Hätte man die Kampfhandlungen im Osten der Ukraine nicht am 28. Juni wiederaufgenommen, wäre diese Tragödie sicher nicht geschehen", sagte er. Der Kreml habe alle Konfliktseiten mehrfach aufgerufen, die Gefechte einzustellen und sich an den Verhandlungstisch zu setzen. "Russland unternimmt alles, damit der Konflikt zu Gesprächen mit friedlichen und ausschließlich diplomatischen Mitteln übergeht", so Putin.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der französische Präsident François Hollande und der britische Premierminister David Cameron hatten zuvor Moskau mit einer Ausweitung der EU-Sanktionen gedroht. Putin müsse umgehend auf die moskautreuen Rebellen einwirken, um den ungehinderten Zugang der Ermittler zum Absturzgebiet zu gewährleisten, hieß es in Paris und London.

Der UN-Sicherheitsrat könnte noch heute über eine Resolution zum Absturz der malaysischen Passagiermaschine mit 298 Menschen an Bord in der Ostukraine abstimmen. Die australische UN-Mission setzte nach Angaben westlicher Diplomaten ihren Resolutionsentwurf "in blau". Damit ist das Papier abstimmungsreif und könnte nach der üblichen Frist von 24 Stunden zur Entscheidung kommen.

Weil die Russen die Resolution mit ihrem Veto verhindern können, ist der Ausgang allerdings völlig offen. Der australische Entwurf fordert von allen Beteiligten, insbesondere den prorussischen bewaffneten Separatisten, in deren Machtbereich die Absturzstelle liegt, eine uneingeschränkte Zusammenarbeit mit den internationalen Behörden. Gleichzeitig soll das Papier jede Manipulation an der Absturzstelle untersagen. Es fordert zudem, dass die Flugschreiber und andere Beweisstücke sofort auszuhändigen sind.

Der russische Präsident hatte zuvor den Niederlanden seine Unterstützung bei der Übergabe der sterblichen Überreste der Opfer des abgestürzten Flugzeuges sowie der Flugschreiber zugesichert. Der Kreml-Chef versprach Experten auch freien Zugang zur Absturzstelle und sicherte in einem Telefonat mit Ministerpräsident Mark Rutte auch seine "volle Kooperation" zu.

"Die Flugschreiber sind in Donezk

Die Niederlande werden nach Angaben von Rutte die internationale Identifizierung der Opfer in der Ostukraine koordinieren. Im ostukrainischen Charkow sollen die Niederlande ein Koordinationszentrum für die Identifizierung der 298 Opfer einrichten. Die Leichen von etwa 200 Opfern sollen in Kühlwagen in einem Zug bei Tores in der Ostukraine liegen. Bei dem Absturz von Flug MH17 kamen 193 Niederländer ums Leben. Die USA haben den Verdacht geäußert, dass die Aufständischen die Boeing mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen haben. Etwa 250 Opfer sind bisher geborgen worden.

"Das ist der Augenblick der Wahrheit für Putin", sagte US-Außenminister John Kerry im US-Sender CNN. Es gebe eine enorme Menge von Fakten, die die russische Verbindung zu den Separatisten belegten. Dazu gehörten die Ausbildung und die Versorgung der Rebellen mit Waffen, fügte er im Sender ABC hinzu. Kerry rief die Europäer in mehreren TV-Talkshows auf, dem Beispiel Washingtons zu folgen und ihre Sanktionen zu verschärfen.

Die Regierung in Kiew und die prorussischen Separatisten bezichtigen sich gegenseitig, die Maschine abgeschossen zu haben. Bewaffnete Separatisten und chaotische Zustände behinderten am Wochenende am Absturzort eine Untersuchung der Wrackteile massiv. Bis zu 900 Aufständische würden die Rettungskräfte nahe der Ortschaft Grabowo ständig überwachen und erheblich einschränken, klagte der ukrainische Vize-Regierungschef Wladimir Groisman. Die Suche nach Leichen und Trümmern wurde auf eine Fläche von 34 Quadratkilometer ausgeweitet.

Die Waggons mit den Leichen sollen bis zum Eintreffen internationaler Experten in Tores bleiben. Zuvor hatte die russische Staatsagentur Ria Nowosti gemeldet, dass der Zug über Ilowaisk nach Donezk fahren werde. Dem widersprach aber Separatistenanführer Alexander Borodaj. "Wir haben nicht vor, die Körper vor der Ankunft der Experten irgendwohin zu bringen. Die Regierung verzögert aber dieses Eintreffen", sagte er.

Borodaj sagte weiter: "Die Flugschreiber sind in Donezk, und wir übergeben sie nur internationalen Organisationen. Die ukrainische Regierung wird die Daten sonst fälschen." Die Führung in Kiew wirft dagegen den militanten Gruppen das Vernichten von Beweisen vor. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko lehnte direkte Verhandlungen mit den Separatisten ab. Die Aufständischen hätten mit dem Abschuss der Maschine einen "Terrorakt" begangen, betonte der prowestliche Staatschef. Der russische Außenminister Sergej Lawrow wies jegliche Verantwortung von sich und kritisierte Berichte über einen angeblichen Abschuss der Maschine als "voreilig".