Atletico Madrid - wie eine Ohrfeige von Robin Hood

Als Kollektiv stark: Atletico Madrid
Als Kollektiv stark: Atletico Madrid
REUTERS, Marcelo del Pozo

Vom Geheimtipp zum ernstzunehmenden Titelanwärter: Atletico Madrid ist die Überraschungsmannschaft in Europa. Mit fantastischen 76 Punkten aus 31 Spielen grüßt sie von der Tabellenspitze der Primera Division. Im Achteflinale der Champions League demütigten die ‘Rojiblancos‘ den AC Mailand in zwei Partien mit 5:1. Der Erfolg trägt zwei Namen: Diego Simeone und Diego Costa. Ausgerechnet Costa droht nun im rein spanischen Duell gegen den FC Barcelona auszufallen.

“Es wird sehr eng, aber mein Gefühl sagt mir, dass er nicht spielen kann“, sagte Simeone über Costa, der das Abschlusstraining wegen Knieschmerzen nach fünf Minuten abbrechen musste. Ob es nur ein guter Poker ist oder der Schlüsselspieler wirklich ausfällt, werden wir erst bei Anpfiff erfahren (ab 20.45 Uhr im Live-Ticker).

Ein Ausfall Costas würde die Madrilenen jedoch ins Mark treffen. Kaum ein Spieler verkörpert die enorm aggressive, bissige Spielweise besser. "Ich bin nicht gewalttätig, nicht unaufrichtig, aber provokant", hat er vor einigen Wochen gesagt. Seine Statistiken untermauern dies. In den 43 Pflichtspielen dieser Saison sah Costa zehn Gelbe Karten, vom Platz flog er jedoch nie. Der 25-Jährige ist Vollblutstürmer. In der Königsklasse erzielte er alle 53 Minuten einen Treffer. Steht mittlerweile bei sieben. In der heimischen Liga sogar bei 25, einzig Cristiano Ronaldo (28) netzte häufiger ein.

Doch Atletico ist nicht nur Costa. Simeone hat dem Team seit seinem Amtsantritt im Jahr 2012 ein komplett neues Gesicht verpasst. Ein Gesicht, das an den ehemaligen Spieler Simeone erinnert: laufstark, bissig, taktisch diszipliniert, ausgestattet mit purem Siegeswillen und immer am Rande der Legalität.

Der Argentinier setzt auf ein in Spanien eigentlich nicht salonfähiges 4-4-2-System. Entgegen des Trends hin zu Ballbesitz und Dominanz lässt Madrid seine Gegner liebend gerne kommen. Zwei flache Viererketten machen das Spiel durch die Mitte nahezu unmöglich. Aus der kompakten Grundordnung schaltet die Elf nach Balleroberung blitzschnell um. Getafe-Coach Luis Garcia bezeichnete diesen Stil vor dem Heimspiel seiner Mannschaft gegen Atletico als “Ohrfeige für den spanischen Fußball.“ Madrid siegte übrigens 7:0.

Erfolg durch eigene Identität

Der Vater des Erfolgs: Coach Diego Simeone
Der Vater des Erfolgs: Coach Diego Simeone
REUTERS, MIGUEL VIDAL

Nicht nur die Offensive glänzt. Um den in dieser Saison überragenden Schlussmann Thibaut Courtouis hat sich die Hintermannschaft zur besten Spaniens gemausert. 22 Gegentreffer sind absoluter Topwert.

Im Duell mit Barca sieht man sich in der Hauptstadt gerne in der Rolle des Außenseiters. "Wir spielen in der Champions League gegen Mannschaften mit einem großen Budget, deswegen sind wir meiner Meinung nach so etwas wie der Robin Hood des Fußballs", betonte Mittelfeldspieler Tiago. "Aber wir haben unsere eigene Identität und es ist für die Leute auch einfach, sich mit uns zu identifizieren.“

Ähnlich wie bei Borussia Dortmund in den Meisterjahren 2011 und 2012 ist das größte Faustpfand die Leidenschaft. Die Mannschaft spielt immer am Maximum. Vor einigen Wochen schien es so, als müsse der kleine Kader dem Aufwand Tribut zollen. Doch sie bekam die Kurve und beeindrucken seitdem mit brutaler Konstanz.

Ob Routinier David Villa, Winterneuzugang Jose Ernesto Sosa, Tura Ardan oder der ehemalige Wolfsburger Diego, sie alle rufen unter Simeone Woche für Woche Top-Leistungen ab und sind im Kollektiv in der Lage, den Ausfall von Costa zu kompensieren. "Wir haben einen Erfolgshunger, den die anderen nicht haben", sagte Kapitän Gabi auf der abschließenden Pressekonferenz.

Auch der direkte Vergleich mit den Katalanen spricht für Atletico, das keins der letzten drei Duelle verloren hat. "Sie haben gegen uns gezeigt, dass sie ein harter Gegner sind. Sie sind in Topform, sie haben herausragende Spieler und sind Anwärter auf die Meisterschaft und den Champions-League-Titel", gab sich Barca-Coach Gerardo Martino ehrfürchtig. “Wir hätten lieber einen anderen Gegner bekommen.“ Ob mit oder ohne Costa, Atletico ist im Konzert der Großen angekommen.