Interview mit Klaus Hinterding

AstraZeneca-Vize-Chef: "Der Impfstoff wirkt - und das sogar sehr stark"

04. März 2021 - 10:21 Uhr

Im Video: AstraZeneca-Vize-Chef im RTL-Interview

Lieferprobleme, Angst vor Nebenwirkungen und Skepsis wegen einer möglichen geringeren Wirksamkeit im Kampf gegen das Coronavirus. Der Impfstoff von AstraZeneca hat ein Imageproblem. Was sagt das Unternehmen zu den Vorbehalten? Vize-Chef Klaus Hinterding hat sich den Fragen unseres Reporters gestellt.

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"Der Impfstoff wirkt und wirkt sogar sehr stark"

Bietet AstraZeneca ausreichend Schutz vor dem Coronavirus?

Klaus Hinterding: "Ja, definitiv. Das kann ich mit Bestimmtheit sagen. Wir haben diese Daten in der klinischen Forschung erhoben und dort hat er zu fast 100 Prozent vor schweren Verläufen der Erkrankung geschützt. Jetzt gibt es neue Daten aus der realen Welt sozusagen in Schottland, wo der Impfstoff ebenfalls zu 90 Prozent vor schweren Verläufen der Krankheit gewirkt hat. Also ganz klar, der Impfstoff wirkt und wirkt sogar sehr stark."

Ist Ihr Impfstoff ein Impfstoff zweiter Wahl?

Klaus Hinterding: "Wir haben in unseren klinischen Studien beim AstraZeneca Impfstoff eine Wirksamkeit von etwa 70 Prozent gesehen, Biontech hieß es 95 Prozent. Das Interessante ist jetzt, wenn man sich die realen Zahlen aus England und Schottland ansieht, da, wo also wirklich die Impfkampagne durchgeführt wurde, dann verwischen diese Unterschiede und beide Impfstoffe sind in dieser jetzt publizierten Analyse komplett gleich wirksam."

Wahrnehmung der Nebenwirkungen von AstraZeneca sei verzerrt

Es wird über starke Nebenwirkungen des AstraZeneca Impfstoffs berichtet, ist das nicht bedenkenswert?

Klaus Hinterding: "Er wird millionenfach verimpft und auch dort sehen wir bislang keine Reaktionen, die wir nicht erwartet hätten. Und dann ist er von regulatorischen Behörden, also von der Europäischen Arzneimittelbehörde beispielsweise, zugelassen worden und auch von der STIKO und WHO empfohlen. [...] Die Wahrnehmung der Nebenwirkung ist tatsächlich etwas verzerrt. Das liegt daran, dass in Deutschland der AstraZeneca-Impfstoff vor allem bei jungen Menschen verimpft wird. Junge Menschen haben naturgemäß eine stärkere Immunantwort. Das heißt, sie reagieren stärker auf den Impfstoff und dann melden sie auch häufiger diese Nebenwirkungen: Also Schmerzen an der Einstichstelle und unter Umständen Erkältungs- oder grippeähnliche Symptome. Der andere Faktor ist der, dass der AstraZeneca-Impfstoff seine Impfreaktion vor allem nach der ersten Dosis zeigt, nach der zweiten weniger."

Schnelligkeit vor Gründlichkeit in der Impfstoff-Entwicklung?

So schnell wurde noch nie ein Vektorimpfstoff zugelassen. Ging bei dieser Entwicklung Schnelligkeit vor Gründlichkeit?

Klaus Hinterding: "Das kann ich ausschließen. Schnelligkeit, ich gebe Ihnen da völlig recht. Ich bin selber überrascht. Noch vor einem Jahr stand ich hier und habe unseren Mitarbeitern erklärt, dass ich nicht glaube, dass so schnell ein Impfstoff verfügbar sein wird – schon gar nicht von AstraZeneca. Jetzt stehe ich hier und bin eines Besseren belehrt. Also schnell ja, so, dass es die größten Optimisten vor einem Jahr nicht für möglich gehalten hätten aber nicht auf Kosten der Gründlichkeit. Unter gar keinen Umständen. Sowohl, was die klinische Entwicklung, Datenerhebung auf AstraZeneca-Seite angeht, als auch das, was die regulatorischen Behörden als Review bekommen haben. Da gab es keinerlei Kompromisse bezüglich Gründlichkeit."

Wird AstraZeneca den Imageschaden wieder los?

Der Imageschaden, der entstanden ist: Glauben Sie, dass der noch irgendwie weggewischt werden kann?

Klaus Hinterding: "Dauernd werden neue Daten präsentiert. Ich bin mir sicher, dass der Impfstoff von AstraZeneca einen ganz wesentlichen Beitrag leisten wird zur Bewältigung dieser Pandemie in Deutschland aber auch in anderen Ländern der Welt. Und wenn Sie in einem Jahr darauf zurückblicken, dann wird das eine Erfolgsgeschichte sein und dann ist der Imageschaden auch mehr oder weniger wieder neutralisiert."

AstraZeneca und die neuen Mutationen

Mit Blick auf die Mutation: Wie wirksam und flexibel ist Ihr Impfstoff von AstraZeneca?

Klaus Hinterding: "Gegen die britische Mutation wirkt AstraZeneca sehr deutlich und das haben wir jetzt erst wieder aus den Daten, die aus Schottland und England gekommen sind, also aus diesen Real-Weltdaten, gesehen. Mit der südafrikanischen Variante ist es so, dass wir dort eine kleine Studie durchgeführt haben und in dieser Studie konnte in der Tat die Wirksamkeit gegen leichte Verläufe nicht belegt werden. Nun ist es so, dass die Population, die wir in Südafrika getestet haben sehr gesund war, junge Menschen [...] und damit traten gar keine schweren Verläufe auf, sodass wir nicht sagen können, dass der Impfstoff vor den schweren Verläufen schützt. Das ist eigentlich unser Ziel gewesen und dazu müssen wir definitiv weitere Daten erheben."