2018 M08 17 - 16:11 Uhr

Abu H. spürte Ashwaq T. in Schwäbisch Gmünd auf

Als Ashwaq T. nach Deutschland kam, dachte sie, dass sie hier in Frieden und in Sicherheit leben könnte. 2014 wurde die damals 15-jährige Jesidin von IS-Kämpfern entführt. Zehn Monate lang lebte sie in Gefangenschaft der Terrormiliz und wurde immer wieder missbraucht, wie sie erzählt. Durch eine List entkam sie den Entführern und floh 2015 mit ihrer Mutter und ihren Brüdern nach Deutschland. Ausgerechnet hier traf sie dann den Mann wieder, der sie für 100 Dollar als Sexsklavin gekauft hatte.

"Er hat mich zehn Monate lang jeden einzelnen Tag missbraucht"

"Ich habe so viel Angst", erzählt die junge Frau in einem YouTube-Video. Sie kam nach Deutschland, um dem Terror und vor allem ihrem Peiniger Abu H. zu entkommen. Der IS-Kämpfer hielt sie in seinem Haus gefangen, zwang die 15-Jährige zum Islam zu konvertieren und fünf Mal am Tag zu beten. "Ich habe das alles gemacht, weil er versprochen hat, mir nicht wehzutun, aber er hat mich zehn Monate lang jeden einzelnen Tag missbraucht", erzählte Ashwaq T. der kurdischen Nachrichtenseite "basnews.com".

Die Jugendliche wusste, dass sie etwas tun musste, um dem Mann zu entkommen, also kratze sie sich mehrere Stellen an ihrem Körper blutig und erzählte Abu H., dass sie eine Allergie hätte und einen Arzt bräuchte. Der IS-Kämpfer fuhr das Mädchen in ein Krankenhaus, wo es ihr gelang Schlafmittel zu stehlen. Die Jesidin rührte dem Mann das Medikament heimlich ins Essen und entkam, als er tief und fest eingeschlafen war. Zu Fuß floh sie und lief, bis sie wieder bei ihrer Familie war.

Als Ashwaq das Gesicht des Mannes erkannte, erstarrte sie

Terrormiliz Islamischer Staat
Die Terrormiliz Islamischer Staat entführte Ashwaq und hielt sie monatelang gefangen.
© dpa, Uncredited, BH CHR

Weil sie sich im Irak nicht mehr sicher fühlte, beschloss Ashwaq T. nach Deutschland zu fliehen. In Schwäbisch Gmünd fand sie eine neue Bleibe. Zusammen mit ihrer Mutter und zwei Brüdern lebte sie dort in einer Flüchtlingsunterkunft. Doch gerade als sie anfing, sich ein neues Leben aufzubauen, zur Schule zu gehen, und Deutsch zu lernen, holte ihre Vergangenheit sie wieder ein.

2016 auf dem Heimweg merkte sie bereits, dass ihr jemand folgte. Sie drehte sich um und glaubte Abu H. zu erkennen. Doch sie sagte sich selbst, dass das nicht sein könne. Der Mann verfolgte sie, bis sie die Unterkunft betrat. Doch auch ihre Mutter beruhigte sie, dass sie nun in Deutschland sei und von dem Mann nichts mehr zu befürchten habe.

Im Februar 2018 kam es dann zur nächsten Begegnung. Ein Mann sprach die inzwischen 19-Jährige auf der Straße an: "Bist du nicht Ashwaq?" Als sie das Gesicht des Mannes sah, erstarrte sie. "Es war Abu H., mit dem gleichen erschreckenden Bart und dem gleichen hässlichen Gesicht. Ich war sprachlos, als er mich plötzlich auf Deutsch ansprach", erzählte sie "basnews.com". "Ja du bist Ashwaq und du weißt auch wer ich bin. Du warst eine Weile bei mir in Mossul", sagte er.

Ashwaq musste schon wieder fliehen

Der Mann wusste, wo sie wohnte und seit wann sie in Deutschland war. Die junge Frau rannte weg und versteckte sich, bis sie sicher war, dass ihr Peiniger gegangen war. Am nächsten Tag ging sie zur Polizei, gegen die sie schwere Vorwürfe erhebt. "Die sagten mir, dass er auch ein Flüchtling sei, genau wie ich und dass sie nichts machen könnten." Sie bekam lediglich eine Telefonnummer, die sie anrufen sollte, wenn Abu H. noch einmal auftaucht.

Doch das war Ashwaq nicht genug. Sie packte sofort ihre Sachen und machte sich auf den Weg zurück in ihr Heimatland, wo sie nun mit ihrem Vater lebt. Das war ihr immer noch lieber als noch einmal in die Nähe des Mannes zu kommen, der sie zehn Monate lang gefangen hielt. Ihre Schwester ist immer noch eine Gefangene des Islamischen Staates und fünf ihrer Brüder gelten als vermisst.

Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg bestätigte auf Twitter, dass es in dem Fall ermittele. Ashwaq T. sei derzeit jedoch nicht für Befragungen erreichbar. Auch die Bundesanwaltschaft bestätigte, dass die Frau den Vorfall bei der Polizei angezeigt habe. Es sei bisher jedoch nicht gelungen, den mutmaßlichen Terroristen ausfindig zu machen. Die Polizei habe mit den Angaben der 19-Jährigen ein Phantombild erstellt und versucht, den Mann zu finden. Leider seien ihre Angaben nicht sehr präzise gewesen und der Name, den sie nannte, habe sich keiner Person zuordnen lassen, sagte eine Sprecherin.