2018 M12 6 - 17:28 Uhr

Nancy ist asexuell. Und glücklich.

Keine Lust an Sex? Und das nicht nur für ein paar Wochen oder Monate, sondern sein ganzes Leben lang? Das ist für viele Menschen schwer vorstellbar. Für Nancy ist es Alltag. Jahrelang verstand sie selbst nicht, was mit ihr ist, aber heute weiß sie: Sie ist asexuell. Aber was heißt das eigentlich?

"Sex bedeutet mir persönlich nichts"

"Für mich würde kuscheln und küssen eigentlich genügen. Aber der Mann möchte ja eigentlich mehr und das ist nicht immer einfach für mich". So wie Nancy geht es etwa einem Prozent der Bevölkerung. Sie sind asexuell. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich höher. Zum einen wissen viele gar nicht, dass solch eine sexuelle Orientierung existiert. Zum anderen schweigen auch viele Betroffene aus Angst, von ihren Mitmenschen als unnormal abgestempelt zu werden. So auch Nancy. Lange hat es gedauert, bis sie per Zufall im Internet auf ein Video gestoßen ist und es ihr wie Schuppen von den Augen fiel: "Ich bin asexuell".  

Im Video spricht Nancy über ihre persönlichen Erfahrungen, was Asexualität für sie bedeutet und wie ihre perfekte Traumbeziehung für sie aussieht.

Asexualität – was ist das eigentlich genau?

Unter Asexualität versteht man das fehlende Interesse an Sexualität. Ein asexueller Mensch verspürt kein sexuelles Verlangen, egal zu welchem Geschlecht. Asexuelle Menschen ekeln sich nicht (grundsätzlich) vor Sex, haben keine Abneigung dagegen und keine psychischen Störungen. Sie verspüren nur kein Bedürfnis nach sexuellen Handlungen. Dabei finden asexuelle Personen, kurz ASS, andere Menschen - egal welchen Geschlechts - durchaus attraktiv. Viele sehnen sich auch nach Zärtlichkeiten, Küssen und Romantik. Und auch ein Kinderwunsch kann durchaus vorhanden sein. Bloß die sexuelle Handlung an sich finden sie - je nach Ausprägung - sinnlos,  nervig oder unangenehm.

"Ein ähnliches Phänomen wie Heterosexualität"

Dabei ist Asexualität klar zu unterscheiden von sexuellen Funktionsstörungen wie Impotenz oder Orgasmus-Schwierigkeiten. Denn Asexualität ist keine Krankheit oder Störung, sondern vielmehr eine sexuelle Orientierung. "Asexualität ist ein ähnliches Phänomen wie Hetero-, Homo- oder Bisexualität. Etwas, für das man sich nicht aktiv entscheidet, sondern was zur eigenen sexuellen Identität dazugehört", so Sexualtherapeutin Katharina Middendorf.

Und auch mit dem freiwilligen Verzicht auf Sex ist Asexualtität nicht zu verwechseln. Menschen, die sexuell enthaltsam leben, verzichten freiwillig auf Sex. Asexuelle Menschen müssen ihren Geschlechtstrieb nicht unterdrücken, sie sehen vielmehr keinen Sinn darin, eine sexuelle Beziehung einzugehen. Asexuelle können aber durchaus Sex haben. Oft entscheiden sie sich dem Partner zuliebe oder auch weil sie sich Kinder wünschen dafür, sich auf Geschlechtsverkehr einzulassen.

Ursachen für Asexualität sind unbekannt

Über die Entstehung von Asexualität gibt es noch wenig gesicherte Erkenntnisse. Manche Sexualwissenschaftler vermuten hinter Asexualität eine andersartige Funktion in jenen Arealen des Gehirns, die das Verlangen steuern. Während man früher psychische Ursachen wie Missbrauch, organische oder seelische Störungen als Erklärungsversuch heranzog, geht man heute davon aus, dass Asexualität angeboren ist, dauerhaft bestehen bleibt und somit einfach eine von zahlreichen Ausprägungen von menschlicher Sexualität.

Wie viele Menschen sich tatsächlich als asexuell bezeichnen, ist statistisch kaum belegt. Der Begriff Asexualität taucht erstmals Ende der Neunzigerjahre im Internet auf. In einer britischen Studie aus dem Jahre 1994 zum Thema Sex gaben ein Prozent der Befragten an, dass sie sich noch nie von jemandem sexuell angezogen fühlten. Frauen gaben dies häufiger an als Männer.