Armutsrisiko befristeter Job: Millionen Arbeitnehmer sind betroffen - auch gut Ausgebildete!

Arm trotz Arbeit - das Risiko hierfür ist weit verbreitet in Deutschland. Vor allem bei Befristungen und Teilzeit.
Arm trotz Arbeit - das Risiko hierfür ist weit verbreitet in Deutschland. Vor allem bei Befristungen und Teilzeit.
© dpa, Daniel Reinhardt, dan lus tba wst csa fgj lof

11. Dezember 2017 - 18:02 Uhr

Rund 2,8 Millionen befristete Arbeitnehmer in Deutschland

In den letzten 20 Jahren ist die Zahl der befristet Beschäftigten in Deutschland um mehr als eine Million gestiegen. Rund 2,8 Millionen Menschen in Deutschland waren im vergangenen Jahr in einem befristeten Arbeitsverhältnis. Doch was steckt hinter den nüchternen Zahlen? Während Arbeitgeberverbände Befristungen als "Beschäftigungsmotor" verteidigen, warnen Sozialforscher vor dem erhöhten Armutsrisiko für die Betroffenen. Besonders brisant: Mehr als jeder dritte Betroffene arbeitet unfreiwillig befristet.

Befristungen: Warum steigt das Armutsrisiko?

Rund 2,8 Millionen befristete Arbeitnehmer in Deutschland
Wer weniger arbeitet, zahlt auch weniger in die Rentenkassen ein. Damit steigt das Armutsrisiko.
© picture-alliance/ dpa, Stefan Sauer

Im Durchschnitt verdienen befristet Beschäftigte weniger als Arbeitnehmer mit einem unbefristetem Vertrag, wie das gewerkschaftsnahe Forschungsinstitut WSI in einer Studie festgestellt hatte. So seien 2015 15,5 Prozent der befristet Beschäftigten zwischen 20 und 34 wegen eines Haushaltseinkommens unter 60 Prozent des Durchschnitts von Armut bedroht gewesen - aber nur 7,5 Prozent derjenigen mit Dauervertrag.

"Sie sind im permanenten Wartestand und schieben Wichtiges auf - vom Spargroschen bis zur Familiengründung. Und sie mucken nicht auf, aus Angst einen möglichen Anschlussvertrag zu gefährden", fasst DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach die Probleme vieler befristeter Arbeitnehmer zusammen.

Eine Million mehr Befristungen in den letzten 20 Jahren

Immer mehr Arbeitsverträge befristet
Ein unbefristeter Arbeitsvertrag wird immer seltener.
© dpa, Jens Schierenbeck

Der Anteil der befristet Beschäftigten an allen abhängig Beschäftigten stieg seit 1996 von 6,4 auf 8,5 Prozent. Der Anteil wuchs mit leichten Schwankungen bis 2006 auf 8,4 Prozent und schwankte seither zwischen 8,2 und 8,9 Prozent. Die aktuellen Zahlen gehen aus einer Antwort des Statistischen Bundesamtes auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor. Betroffen sind vor allem Jüngere, Ausländer und Menschen ohne Berufsabschluss - aber eben auch Akademiker. Seltener dagegen Absolventen einer dualen Berufsausbildung oder einer Fachhochschule. Auch unter den Älteren steigt die Zahl der Befristungen.

Besonders oft trifft es 25- bis 34-Jährige. Hier stieg der Anteil von 9,6 Prozent vor 20 Jahren über 16,6 Prozent 2006 bis 18,1 Prozent im vergangenen Jahr. Berücksichtigt wurden alle abhängig Beschäftigten ab 25 Jahren. Jüngere Arbeitnehmer im Übergang von Schule oder Hochschule zum Arbeitsmarkt flossen nicht in die Statistik ein.

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Warum gibt es befristete Arbeitsverhältnisse? Das sagen die Arbeitgeber

Die Arbeitgeber verteidigen befristete Beschäftigung, Teilzeit oder Zeitarbeit als Möglichkeit, das Arbeitsvolumen an "betriebliche Notwendigkeiten" anzupassen, wie der Arbeitgeberverband BDA betont. Reguläre Jobs würden nicht verdrängt, die Schaffung neuer Jobs eher erleichtert. "Zudem erhalten mehr als zwei Drittel der befristet Beschäftigten eine Anschlussbeschäftigung", sagt Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter. "Das unterstreicht, wie wichtig das Instrument als Beschäftigungsmotor ist".

Laut einer Studie des Berliner Sozialforschers Stefan Stuth binden Unternehmen knappe Arbeitskräfte eher mit dauerhaften Verträgen - in Berufen mit hohem Reservoir an Arbeitskräften werde eher befristet beschäftigt. ​

Jeder Dritte ist unglücklich mit der Befristung

Wirtschaftsvertreter lehnen einen Anspruch auf befristete Teilzeit ab.
Nur 40 Prozent der befristet angestellten Arbeitnehmer werden später in ihrem Betrieb übernommen.
© DPA

Mehr als jeder dritte Betroffene arbeitet laut Statistischem Bundesamt unfreiwillig befristet. 36,5 Prozent gaben über alle Altersgruppen hinweg an, mangels Dauerstelle ein befristetes Arbeitsverhältnis eingegangen zu sein. 31,6 Prozent nannten einen Probevertrag als Grund. 25,7 Prozent befanden sich in Ausbildung. 6,2 Prozent hatten bewusst die Befristung gewählt. Bei den Hilfskräften war der Anteil unfreiwillig Befristeter mit 50,4 Prozent zuletzt am höchsten. 

Linke fordern Stopp des "Befristungsirrsinns"

Die Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke, Sabine Zimmermann
Sabine Zimmermann kämpft gegen Befristungen.
© dpa, Jan Woitas, woi fux lre tba

"Gerade bei jüngeren Menschen sorgen Befristungen dafür, dass sie elementare Dinge des Lebens nicht planen können, wie etwa eine Familiengründung", sagt Linken-Politikern Sabine Zimmermann, die die Anfrage gestellt hatte. Sie fordert einen Stopp des "Befristungsirrsinns".  Auch SPD-Fraktionsvize Katja Mast sagte, sachgrundlose Befristungen müssten abgeschafft werden.

Welche Rechte Sie mit einem befristen Arbeitsverhältnis haben, haben wir hier für Sie zusammengefasst.