Neuer Armutsbericht für Deutschland vorgestellt

Mehr als jeder Sechste lebt unterhalb der Armutsgrenze - außer in zwei Bundesländern

20. November 2020 - 14:37 Uhr

Corona verschärft Armutsgefährdung in Deutschland zusätzlich

Laut aktuellem Paritätischen Armutsbericht hat die Armutsquote in Deutschland mit 15,9 einen neuen traurigen Höchststand erreicht, der allerdings nur minimal über den Werten der Vorjahre liegt. Rechnerisch sind damit 13,2 Millionen Menschen armutsgefährdet. Der Paritätische Wohlfahrtsverband warnt in der Studie, dass alles darauf hindeute, dass die Auswirkungen der Corona-Krise Armut und soziale Ungleichheit noch einmal spürbar verschärfen werden. Was die Bundesregierung aus Sicht des Verbands versäumt hat, um das zu verhindern – in unserem Video.

"Immer mehr Menschen leben ausgegrenzt und in Armut, weil es ihnen an Einkommen fehlt, um den Lebensunterhalt zu bestreiten und an unserer Gesellschaft gleichberechtigt und in Würde teilzuhaben", kritisierte  kritisiert Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands.

ARCHIV - 27.03.2019, Berlin: Ein Flaschensammler greift am Kudamm in eine Mülltonne. Die Bertelsmann Stiftung veröffentlicht am 02.04.2019 eine Umfrage zur Wahrnehmung von Armut in deutschen Kommunen. Foto: Kay Nietfeld/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Armut in Deutschland
© dpa, Kay Nietfeld, nie tba tba

Als armutsgefährdet gilt in dem Bericht, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland zur Verfügung hat. Außerdem kommt es darauf an, wie viele Personen in einem Haushalt leben: Ein Single ohne Kinder gilt mit einem Nettoeinkommen von weniger als 1035 Euro als armutsgefährdet. Bei einem Paar ohne Kinder liegt die Schwelle bei 1553 Euro, bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2174 Euro. Der Paritätische Gesamtverband bereitet in dem Bericht bereits veröffentlichte Zahlen der Behörden auf.

In diesem Bundesland ist die Armut am größten

Was die Armut angeht, verläuft eine klare Grenze durch Deutschland: Im besser gestellten Süden haben Bayern und Baden-Württemberg eine gemeinsame Armutsquote von 12,1 Prozent. Der Rest der Republik, vom Osten über den Norden bis in den Westen, kommt zusammen auf eine Quote von 17,4 Prozent.

Besonders düster sieht es im Bundesland Nordrhein-Westfalen aus. Seit 2006 ist die Armutsquote in dem bevölkerungsreichsten Bundesland zweieinhalbmal so schnell gewachsen wie die gesamtdeutsche Quote. Problemregion Nummer 1 das Ruhrgebiet mit einer Armutsquote von 21,4 Prozent.

Im Supermarkt
Die Corona-Pandemie macht es für viele Menschen schwieriger, über die Runden zu kommen.
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Viele Arme gehen arbeiten oder beziehen Rente

Und noch ein Ergebnis des Armutsberichts ist besorgniserregend: Bei den ohnehin besonders armutsbetroffenen Gruppen – Alleinerziehende, Arbeitslose und kinderreiche Familien - hat die Armut von 2018 auf 2019 noch einmal zugenommen. Ein Großteil der Erwachsenen, die in Armut leben, ist erwerbstätig (33,0 Prozent) oder in Rente (29,6 Prozent).

Die Corona-Pandemie und der Teil-Lockdown verschärfen aus Sicht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands die Lage für ärmere Familien und öffnen die Schere zwischen Arm und Reich weiter. "Frische Lebensmittel sind teurer geworden. Dazu kommen zusätzliche Ausgaben für notwendige Schutzkleidung und Hygieneartikel", sagte die baden-württembergische Verbandsvorsitzende Ursel Wolfgramm der Deutschen Presse-Agentur.

Quelle: DPA, RTL.de