Russlands Präsident Putin vermittelte

Armenien und Aserbaidschan beenden Kämpfe um Bergkarabach

10. November 2020 - 13:13 Uhr

Russische Friedenstruppen sollen Waffenruhe in Bergkarabach überwachen

Über sechs Wochen lang lieferten sich Armenien und Aserbaidschan schwere Gefechte in der Südkaukasusrepublik Bergkarabach. Jetzt haben sich die beiden Länder auf ein Ende aller Kampfhandlungen verständigt. Die Vereinbarung kam in der Nacht zum Dienstag unter Vermittlung von Russlands Präsidenten Wladimir Putin zustande, wie der Kreml in Moskau mitteilte. Die neue Waffenruhe trat demnach um 1 Uhr Ortszeit (22 Uhr MEZ) in Kraft. Russische Friedenstruppen sollen sie den Angaben zufolge überwachen. In Armenien kam es indes kurz nach der Übereinkunft zu Ausschreitungen.

Gefangenenaustausch zwischen Armenien und Aserbaidschan vereinbart

Wladimir Putin
Die Vereinbarung kam unter Vermittlung von Russlands Präsidenten Wladimir Putin zustande.
© dpa, Alexei Nikolsky, AZ kay

Das russische Verteidigungsministerium veröffentlichte bereits in der Nacht Aufnahmen, die die Vorbereitung und den Transport von Soldaten per Flugzeug in die Krisenregion zeigen sollten. Der aserbaidschanische Staatschef Ilham Aliyev sagte, der Einsatz von Friedenstruppen sei vorerst auf fünf Jahre begrenzt. Er könne jedoch verlängert werden, wenn sowohl Armenien als auch Aserbaidschan dem zustimmten. Das Kontingent soll demnach rund 2.000 Soldaten betragen.

Die Vereinbarung sieht zudem einen Gefangenenaustausch vor. Darüber hinaus sollen die Leichen getöteter Soldaten übergeben werden. Flüchtlinge sollen unter Aufsicht der Vereinten Nationen in ihre Heimat zurückkehren. Russische Grenztruppen übernehmen die Kontrolle über die Transportverbindungen zwischen Karabach und Armenien. Aserbaidschan und Armenien hätten sich verpflichtet, ihre aktuellen Positionen einzufrieren, sagte Putin weiter.

Schon drei Anläufe für eine Waffenruhe scheiterten

Russischer Militärhubschrauber auf armenischem Gebiet abgeschossen.
Nur wenige Stunden vor der Übereinkunft hatte Aserbaidschan einen russischen Militärhubschrauber auf armenischem Gebiet abgeschossen.
© dpa, Uncredited, nwi

Der Führer der nicht anerkannten Republik Karabach, Araik Arutjunjan, verteidigte die Übereinkunft. "Die entstandene schwere Situation berücksichtigend und ausgehend von der Notwendigkeit, weitere große menschliche Verluste und den vollständigen Verlust von Karabach zu vermeiden, habe ich meine Zustimmung zur Beendigung des Krieges gegeben", schrieb der 46-Jährige bei Facebook.

Nach Ansicht des Kremlchefs ist die Vereinbarung die Grundlage für eine langfristige Lösung des Karabach-Problems. Bisher gab es bereits drei Anläufe für eine Waffenruhe. Sie scheiterten allesamt. Es ist aber das erste Mal, dass die Staats- und Regierungschefs eine solche Vereinbarung unterzeichneten. Wenige Stunden vor der Übereinkunft war ein russischer Militärhubschrauber auf armenischem Gebiet von Aserbaidschan abgeschossen worden. Zwei Besatzungsmitglieder starben dabei. Aserbaidschan entschuldigte sich dafür mehrfach bei Russland.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

"Faktisch die militärische Kapitulation Armeniens"

Feiern in Ganja (Aserbaidschan)
In Ganja, der zweitgrößten Stadt Aserbaidschans, feierten Menschen das Abkommen.
© dpa, Aydin Mammedov, AZ fgj

Das aserbaidschanische Fernsehen zeigte live, wie Aliyev und Putin parallel die Dokumente unterzeichneten. Ursprünglich sollte auch der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan dabei sein. "Paschinjan weigerte sich, die Erklärung zu unterzeichnen, doch er wird es tun müssen", verkündete Aliyev später in einer Ansprache an die Nation.

Paschinjan selbst sprach von einer äußerst schwierigen Entscheidung. "Der Text ist für mich persönlich und für unser Volk schmerzhaft." Er habe sich aber nach reiflicher Überlegung und Analyse der Lage für eine Unterzeichnung entschieden, schrieb Paschinjan. Beobachter dazu: "Das ist faktisch die militärische Kapitulation Armeniens."

Armeniens Präsident: Niemand hat mich konsultiert

Der armenische Präsident Armen Sarkissjan zeigte sich überrascht von der Vereinbarung über das Ende aller Kampfhandlungen. "Ich bin von der Presse darüber informiert worden", sagte er am Dienstag in der Hauptstadt Eriwan. Aus den Medien habe er auch über die Bedingungen für ein Ende des Kriegs erfahren. "Es gab leider keine Konsultationen oder Diskussionen mit mir über das Dokument." Jeder Schritt, jede Maßnahme und insbesondere die Unterzeichnung eines so wichtigen Dokuments sollten jedoch Gegenstand umfassender Diskussionen sein.

Ausschreitungen in Eriwan

Eriwan: Demonstranten besetzen das Parlament und das Regierungsgebäude
In der armenischen Hauptstadt Eriwan besetzten Demonstranten das Parlament und das Regierungsgebäude.
© dpa, Dmitri Lovetsky, AZ kay

In der armenischen Hauptstadt Eriwan kam es zu Ausschreitungen. Die Lage war unübersichtlich. Demonstranten besetzten das Parlament und das Regierungsgebäude, wie Videos in sozialen Netzwerken zeigten, die zuvor in Ausschnitten im armenischen Fernsehen zu sehen waren. Demonstranten hätten Möbel, Türen und Fenster zerschlagen.

Tausende Menschen hielten sich nach Angaben von Beobachtern vor dem Regierungssitz auf. Sie beschimpften den Ministerpräsidenten als Verräter. "Wir werden das Land nicht aufgeben", riefen sie. Die Polizei sei zunächst nicht eingeschritten.

Zunächst war unklar, wo sich Paschinjan aufhielt. In einer bei Facebook verbreiteten Erklärung kritisierte er die Demonstranten. Auf Videos war zudem zu sehen, wie Menschen den Parlamentschef aus seinem Dienstwagen zerrten und ihn schlugen. Sie hätten so Auskunft über den Aufenthalt von Paschinjan erzwingen wollen.

Konflikt um Bergkarabach ist jahrzehntealt

Die Gefechte dauern bereits seit Ende September an. Der Konflikt selbst ist schon jahrzehntealt. Die Zahl der Getöteten aufseiten Bergkarabachs war am Montag um 44 auf 1.221 gestiegen, wie die Behörden mitteilten. Baku macht wegen der Zensurbestimmungen während des Kriegszustands keine Angaben zu Verlusten bei den Streitkräften.

Aserbaidschan verlor in einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor rund 30 Jahren die Kontrolle über das bergige Gebiet mit etwa 145.000 Bewohnern. Seit 1994 galt eine brüchige Waffenruhe. Aserbaidschan beruft sich in dem neuen Krieg auf das Völkerrecht und sucht immer wieder die Unterstützung von seinem "Bruderstaat" Türkei. Armenien wiederum setzt auf Russland als Schutzmacht.