„Jeder von uns täuscht sich selbst über die fatalen Folgen"

Appell eines Klimaökonomen: „Entrümpelung unserer Lebensstile" ist notwendig

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1. Dezember 2019 - 13:21 Uhr

"Wir leben wie ökologische Vandalen"

Am Montag beginnt die 25. Klimakonferenz in Madrid. Politiker, Wissenschaftler und Experten beraten darüber, wie sich die Erderhitzung auf ein erträgliches Maß begrenzen lässt, ohne dass Ökosysteme in wenigen Jahrzehnten kollabieren. Greta Thunberg kommt sogar per Schiff aus Amerika, denn ursprünglich sollte der Gipfel in Chile stattfinden. Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech erwartet allerdings nicht zu viel von der Konferenz. Er sieht vor allem die Bürger in der Pflicht. Denn jeder von uns täuscht sich selbst über die fatalen Folgen des eigenen Lebensstils.

Die Nachfrage nach Luxus wächst immer weiter

Niko Paech, Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der Universität Siegen. (zu dpa «Ökonom rügt Lebensstil vieler Bürger: «Wie ökologische Vandalen»») Foto: Privat/dpa
Ökonom Niko Paech rügt den Lebensstil vieler Bürger.
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Inmitten der Klagerufe über die Klimakrise wachse ausgerechnet die Nachfrage nach dekadentem Luxus am stärksten, der einen immensen Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase mit sich bringe, so der Ökonom von der Universität Siegen.

"Das sind Kreuzfahrten, das sind SUVs, das ist der Luftverkehr, die Digitalelektronik und die Nachfrage nach noch mehr Wohnraum", sagt der Wissenschaftler. Dies sei reiner Komfort, der sich nicht als Befriedigung essenzieller Grundbedürfnisse rechtfertigen lasse. "Hier offenbart sich die Lebenslüge einer Gesellschaft, deren Mehrheit meint, sie sei klimakompetent, aber lebt wie ökologische Vandalen."

Nötig sei ein radikales Umsteuern, um den Ausstoß von Treibhausgasen schnell drastisch zu senken. Seit Jahrzehnten werde versucht, das Wirtschaftswachstum von Umweltschäden aller Art zu entkoppeln. "Und wir haben nichts, aber auch gar nichts erreicht." Es zähle zu den fatalsten Selbsttäuschungen zu meinen, wir könnten unser Wohlstandsniveau erhalten und gleichzeitig das Nötige tun, um angesichts der drohenden Klimakatastrophe und des massenhaften Artensterbens überlebensfähig zu werden.

Eine Wirtschaft ohne Wachstum als Lösung

Unabdingbar sei daher nun nicht nur eine Wirtschaft ohne Wachstum, sondern ein Rückbauprogramm. Das sei aber kein Marsch in die Askese oder ins Mittelalter, sondern könne verstanden werden als eine Befreiung vom Überfluss, so der Wissenschaftler. "Vordringlich ist der Rückbau einer Mobilität, die mit dekadentem Luxus korrespondiert und dabei Massen an Öl verbraucht. Es gibt kein Menschenrecht darauf, eine Kreuzfahrt zu buchen. Es gibt kein Menschenrecht darauf, Urlaub mit dem Flugzeug zu machen." Es existierten aber unendlich viele Möglichkeiten, hier in Europa Urlaub ohne Kerosin zu verbringen.

Notwendig sei eine "Entrümpelung unserer Lebensstile" und der Aufbau einer Ökonomie, in der die Reparatur und Instandhaltung wieder ein wichtiger Faktor wird. Produkte müssten länger genutzt werden. Damit würde auch der infolge des Onlinehandels enorm gestiegene Güterverkehr eingedämmt, sagte er.

Weiter nötig ist nach den Vorstellungen des Klimaökonomen ein Baumoratorium: "Jeder weitere Quadratmeter Wohnfläche, den wir erschaffen, ist eine ökologische Katastrophe." Auf wirksame politische Regulierungen darf man nach seiner Ansicht zurzeit nicht setzen. "Eine demokratisch gewählte Regierung kann vieles tun, aber eines nicht: sich über die Lebensstile einer Bevölkerungsmehrheit hinwegzusetzen und Wohlstand zurückzubauen", sagte der Ökonom. 

Quelle: DPA/ RTL.de