Verletzungsgefahr und ungeprüfte Wirksamkeit

Apothekerverband warnt: DIY-Desinfektionsmittel kann gefährlich sein

Coronavirus - Hygiene ist jetzt besonders wichtig.
© dpa, Patrick Pleul, ppl fgj

20. März 2020 - 17:29 Uhr

DIY-Desinfektionsmittel können gefährlich werden

Die Regale sind leer, die Nachfrage riesig, im Internet wird es zu Wucherpreisen angeboten, sogar regelmäßig aus Krankenhäusern geklaut: Desinfektionsmittel. Viele, die keines mehr ergattern konnten und sich vor dem Coronavirus schützen wollen, greifen jetzt auf Rezepturen zum Selbermischen zurück. Doch davor warnt der Apothekerverband ausdrücklich – nicht nur in Sachen Wirksamkeit, sondern auch wegen der möglichen Verletzungsgefahr.

Wir erklären, was Sie bei selbstgemachtem Desinfektionsmittel unbedingt beachten sollten.

Unbedingt ans offizielle WHO-Rezept halten

Expertenmeinungen zu selbstgemachtem Desinfektionsmittel gehen auseinander. Wichtig sei auf jeden Fall, sich an das offizielle Rezept der WHO zu halten und keine anderen Rezepte aus dem Internet zu probieren. Wer sich unsicher fühlt, mit den Inhaltsstoffen zu hantieren, sollte sich an die Produkte aus dem Einzelhandel halten.

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Das WHO-Rezept enthält laut Redaktionsnetzwerk Deutschland folgende Zutaten, die gemischt und gut verrührt werden:

  • 800 ml Alkohol bzw. Ethanol
  • 200 ml abgekochtes Wasser
  • und etwas Glycerin

Wichtig ist, dass Sie die Zutaten nicht in der Nähe von Feuer oder heißen Gegenständen vermengen, denn Ethanol ist leicht entzündlich.

Der Glycerin-Bestandteil im DIY-Desinfektionsmittel-Rezept der WHO soll die Haut schützen. Das Problem: Alkohol und Ethanol greifen die Fettschicht der Haut an und machen die Hände trocken.

Anleitungen im Internet oft nicht sicher

Thomas Preis betreibt eine Apotheke in Köln und ist Vorsitzender des Apothekerverbandes Nordrhein. Auf Anfrage von RTL stellt er klar: "Bei einem Desinfektionsmittel handelt es sich um ein Biozid, also Chemikalien – das selber zu mischen, davon raten wir als Apotheker grundsätzlich ab: Im schlimmsten Fall ist die Mischung falsch und es besteht die Gefahr, die Haut zu verletzen. Oder das Mittel ist nicht wirksam, der Anwender denkt aber, er hätte alles getan, um sich zu schützen."

Der Apothekerverband warnt zudem vor der Verwendung hochprozentigen Alkohols, da dieser sich entzünden kann. In zu geringen Konzentrationen ist er nicht gegen Coronaviren wirksam. Anleitungen, die im Internet kursieren, seien oft ungeprüft. Ob sie gegen Viren wirken, ist ungewiss. Auch die Aufbewahrung selbstgemischter Mittel sieht Preis kritisch: "Kein Laie hat Gefäße, die für diese Substanzen geeignet sind. Oft sind die verwendeten Flaschen nicht mit Warnhinweisen versehen, dadurch kommt es immer wieder zu Vergiftungsunfällen."

Was vielen nicht bewusst ist: Selbst Desinfektionsmittel anzumischen kann sogar rechtliche Konsequenzen haben. "Der Küchentisch sollte nicht als Labor benutzt werden. Im schlimmsten Fall handelt es sich dabei sogar um einen Gesetzesverstoß – und zwar gegen die EU-Biozid-Verordnung oder das Arzneimittelgesetz. Denn man bringt Produkte in den Verkehr, die so nicht in den Verkehr gebracht werden dürfen."

Kein Desinfektionsmittel - was nun?

Dank einer befristeten Genehmigung können Apotheken derzeit Produkte zur hygienischen Händedesinfektion herstellen und in den Verkehr bringen. "Apotheken sind mehr als nur Abgabestellen. In jeder Apotheke gibt es ein Labor, in dem der Apotheker aus Grundsubstanzen selbst Desinfektionsmittel anfertigen kann – für Patienten, aber besonders auch für Arztpraxen oder Pflegeheime, die dringend darauf angewiesen sind", so Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

Um sich wirkungsvoll vor dem Coronavirus zu schützen, sollte sich aber vor allem jede*r an grundlegende Regeln halten:

  • Abstand von anderen Personen wahren
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • So wenig wie möglich ins Gesicht fassen
  • Niesen und Husten in Einweg-Taschentuch oder Armbeuge

RTL-Medizinexperte Dr. Christoph Specht erklärt: "Die Hülle des Corona-Virus besteht aus einer Fettmembran - und die platzt durch ein fettlösendes Mittel wie Seife." Auch gewöhnliches Spülmittel hat diesen Effekt. Apotheker Thomas Preis betont: "Weit über 90 Prozent der Bevölkerung brauchen eigentlich im Haushalt kein Desinfektionsmittel. Nur diejenigen, die tatsächlich erkrankt sind. Aber auch bei ihnen ist der hauptsächliche Ansteckungsweg die Tröpfcheninfektion. Werden häufig berührte Gegenstände und Flächen wie Mobiltelefone oder Türgriffe regelmäßig mit normalen Reinigungsmitteln behandelt, ist die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung durch die Kontaktinfektion absolut minimiert."

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