Antonia Rados zum Machtwechsel in Riad: "Zeitenwenden sehen anders aus"

14. Mai 2015 - 20:16 Uhr

Antonia Rados im Interview

Der König ist tot, es lebe der König. Was kommt nach dem saudischen Herrscher Abdullah? Sein Nachfolger steht natürlich bereits fest, doch was darf man von Thronfolger Salman erwarten? Unsere Chefreporterin Ausland, Antonia Rados, erklärt die Machtstrukturen des saudischen Königshauses und zeigt auf, was den neuen König Salman erwartet.

Antonia Rados zum Machtwechsel in Saudi-Arabien
Antonia Rados schließt nicht aus, dass das Chaos im Nahen Osten auf Saudi-Arabien übergreift.

Frage: Erste Medien sprechen von einer Zeitenwende in Saudi-Arabien. Würden Sie das so unterschreiben?

Antonia Rados: Saudi-Arabien ist eine Erb-Monarchie - seit 80 Jahren. Eine einzige Familie hält dort die meiste Macht. Sie bereitet jede Machtübergabe an Bruder oder Halbbruder genau vor. Das war auch diesmal der Fall. Zeitenwenden sehen anders aus. Kontinuität ist wichtig für das Haus Saud!

Wie würden Sie die Rolle Abdullahs für Saudi-Arabien/die Welt beschreiben?

König Abdullah wurde ein Reformer genannt, aber wenn er das tatsächlich war, dann einer in homöopathischen Dosen. Auto-Fahren für Frauen? Versprochen, aber nie erfüllt. Anti-Terrorkampf zusammen mit dem Westen? Ja, aber zögerlich, denn immer noch fließt saudisches Geld an Radikale - laut saudischen Quellen ist es jedoch nicht Geld des Königshauses, sondern von privaten Geldgebern.

Wie tickt sein Nachfolger Salman? Was erwartet Saudi-Arabien und den Westen?

König Salman erwartet ein Trümmerhaufen: Das Haus Saud hat zum ersten Mal in seiner Geschichte Konkurrenz von neuen Ölförderländern - wie den USA. Die Abhängigkeit des Westens von saudischem Öl, was bisher Amerikas Politik mitbestimmte, wird kleiner.

Die ganze Nahost-Region befindet sich im Chaos. Wird dieses Chaos auf Saudi-Arabien übergreifen? Auszuschließen ist das nicht. Salman sagte in seiner erste Rede: "Wir werden die islamische Einheit verteidigen!" Was Kritiker fürchten, er meint die "islamische Einheit" unter dem Wahabismus, eine radikale Form des Islam, Saudi-Arabien ist der Fahnenträger des Wahhabismus.

Worin unterscheidet sich Salman von seinem Halbbruder Abdullah?

Ich glaube, es gibt da keinen grundlegenden Unterschied. Wir wissen zwar nicht viel über das "geheime Königreich", wie Saudi-Arabien genannt wird, aber die Familie regiert zusammen - sie hat dieselben Interessen, wenn einer die nicht akzeptiert, hat er oder sie Probleme.

Vor kurzem hörten wir, eine verstoßene Ex- Frau des verstorbenen Abdullah steht in Riad unter Hausarrest!

Bleibt Saudi-Arabien nach dem Tod Abdullahs der wichtigste/ein wichtiger Verbündeter des Westens in der Region – oder droht weitere Instabilität?

Saudi-Arabien ist gerade dabei, seine Rolle als wichtiger Verbündeter zu verlieren. Amerikas Abhängigkeit vom saudischen Öl sinkt. Teile des Nahen Ostens, vor allem die Jugend, haben genug von der saudischen Doppel- Politik: einerseits Amerika unterstützen, andererseits den radikalen Islam verteidigen. Im Zeitalter von Twitter und Internet ist sowas bei der Jugend nicht mehr zu verbergen.

Wichtig: Das Durchschnittalter in Saudi-Arabien ist 25. Blogger wie Bawadi lassen sich nicht mehr den Mund verbieten. König Salman ist hingegen beinahe 80 - also nur zehn Jahre jünger als sein verstorbener Halbbruder Abdullah. Ein greiser Monarch in einem Land voller Jugendlichen...

Nichts fürchtet Saudi-Arabien aber mehr als Iran: Iran drängt nun auf die internationale Bühne. Iran verhandelt mit dem Westen. Ein Alptraum für die Saudis. Ihre Politik ist oft nichts anderes als iranischen Einfluss zurückzudrängen. Ob das in Zukunft noch gelingen wird, ist die Frage.

Ist auch Deutschland dazu verdammt, weiter eng mit einem Land zusammenzuarbeiten, das Frauen das Autofahren verbietet und in dem Blogger öffentlich ausgepeitscht werden?

Die ehemalige US-Sicherheitsberaterin Condozella Rice sagte einmal: Im Nahen Osten hat der Westen immer auf Stabilität gesetzt, auf Kosten der Demokratie - am Ende hatten wir weder das eine noch das andere...

Umgelegt auf Saudi- Arabien: Will man Geschäfte machen oder moralisch sein? Beides lässt sich schwer auf Dauer vereinbaren und am Ende hat man vielleicht weder das eine noch das andere.

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