Hilferufe konnten nicht entgegengenommen werden

Anschlag von Hanau: Notruf der Polizei war unterbesetzt

Bilder der Opfer des Anschlags in Hanau
Bilder der Opfer des Anschlags in Hanau
© dpa, Christine Schultze, rho

28. Januar 2021 - 10:27 Uhr

Beim rassistisch motivierten Anschlag von Hanau im Februar 2020 gab es Pannen bei der Hanauer Polizei. Möglicherweise haben diese mehreren Menschen das Leben gekostet.

Notruf nur mit einem Beamten besetzt

Am 19. Februar 2020 wurden in der hessischen Stadt Hanau zehn Personen ermordet. Der Täter erschoss neun Personen in und vor zwei Shishabars und auf der Fahrt zwischen beiden Orten. Später erschoss er in der elterlichen Wohnung seine Mutter und sich selbst.

Nun haben Recherchen des hr, des ARD-Magazins 'Monitor' und des Nachrichtenmagazins Spiegel gezeigt, dass in jener Nacht nur zwei Leitungen für Notrufe auf der Polizeiwache in der Innenstadt freigeschaltet gewesen sein sollen. Offenbar war nur ein Beamter vor Ort, um Notrufe entgegenzunehmen. So wurden während der Tatzeit zwischen 21.55 Uhr und 22.09 Uhr gerade einmal fünf Anrufe entgegengenommen.

"Ein Systemfehler ist nicht auszuschließen"

Auch RTL liegen die Protokolle der insgesamt 24 Notrufe vor, die am Tatabend bei der Polizei Main-Kinzig eingegangen sind. Daraus ist zu lesen, dass die Aufzeichnung für die Dokumentation zehn Mal nicht gestartet war. "Ein Systemfehler ist nicht auszuschließen", zieht ein Kriminalbeamter in dem Dokument sein Fazit.

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Bund Deutscher Kriminalbeamter: „Schweres Versagen“

Diese Erkenntnisse sorgen für Kritik. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter spricht von schwerem Versagen. Denn normalerweise sollten immer mindestens zwei Polizisten Notrufe entgegennehmen können. Bei Geschehnissen, wie beim Anschlag in Hanau müsste eine Erreichbarkeit der Polizei grundsätzlich möglich sein.

Ist die Polizei schuld?

Hinterbliebene geben der Polizei eine Mitschuld. Anrufprotokolle der Opfer belegen, dass einige Opfer die Polizei nicht erreichen konnten, ebenso wenig wie andere Zeugen. Mehrmals haben Beteiligte die 110 gewählt, seien aber nicht durchgekommen. Erst bei der 112 habe sich der Notruf gemeldet. Die Polizei Hanau hat auf die Anschuldigungen bisher keine Stellung bezogen.

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