RTL-Verifizierungsexperte Andreas Greuel im Interview

Anschlag von Halle: So haben Rechte das Video verbreitet

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12. Oktober 2019 - 13:08 Uhr

Anschlag in Halle: Video des Attentats auf Twitch veröffentlicht

Stück für Stück setzen die Ermittler das Bild vom Angriff des Rechtsextremisten auf die Synagoge in Halle zusammen. Stephan B. tötete am Mittwoch zwei Menschen. Sein Ziel war es jedoch, ein Massaker anzurichten – am höchsten jüdischen Feiertag. Er filmte das Attentat mit und veröffentlichte das Video auf der Streaming-Plattform Twitch. RTL-Verifizierungsexperte Andreas Greuel erklärt, wie Rechte dann das Video verbreitet haben.

Anschlag in Halle: Twitch-Account nur fürs Blutbad erstellt?

"Der Livestream der Tat, der insgesamt 35 Minuten dauerte, hatte keine Überschrift und ursprünglich nur fünf Zuschauer", sagt Greuel. Der Account-Name war Spilljuice, was wörtlich übersetzt "Saft verschütten" heißt. Die Aussprache von Juice ist im Englischen gleich der Aussprache für Juden (Jews). Zudem gibt es die Redewendung to spill blood, was im Deutschen "Blut vergießen" heißt. Über den vor etwa zwei Monaten erstellten Account wurde zuvor nur einmal etwas veröffentlicht – möglicherweise, um zu testen, ob das Streaming auch funktioniert.

Rechtsextreme tauschen sich über Telegram aus

"Der Link zum Video wurde vorwiegend auf Telegram, aber auch in Foren mit rechtsradikaler Gesinnung geteilt", so Greuel. Das Live-Video wurde auf diese Weise in kurzer Zeit von rund 2.200 Menschen auf Twitch angesehen, bevor es vom Betreiber der Plattform gelöscht wurde. "Telegram bietet wie WhatsApp offene Kanäle an, wo sich verschiedene Gruppen austauschen können. Die Organisation ist direkter als zum Beispiel in Facebook-Gruppen, weil man alle Informationen chronologisch bekommt und kein Algorithmus die Kommunikation beeinflusst. Der Zugang ist deutlich leichter."

Bei Telegram sind viele rechte, identitäre Bewegungen aktiv. "Darin glorifizieren sie antisemitische und rassistische Taten", sagt Greuel. Der Link zum Video wurde gezielt in den Gruppen geteilt. Damit könnte Stephan B. Anerkennung erzielt haben. Möglicherweise wollte er so zum Helden der Rechten werden.

Das Protokoll des Anschlags von Halle – jetzt als Doku auf TVNOW.