Anschlag in Berlin: Falscher Verdächtiger bricht sein Schweigen und fürchtet um sein Leben

Ein Polizist bewacht nach dem Anschlag in Berlin den Tatort.
Ein Polizist bewacht nach dem Anschlag in Berlin den Tatort.
© imago/ZUMA Press, imago stock&people

02. Januar 2017 - 13:24 Uhr

Polizei weist Anschuldigungen zurück

Nur wenige Stunden nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin präsentierten die Fahnder einen Verdächtigen. Kurz danach stellte sich heraus: Es war der Falsche. Jetzt hat der Mann aus Pakistan sein Schweigen gebrochen - und macht der Berliner Polizei schwere Vorwürfe. Die reagiert mit Verwunderung.

Eigentlich wollte Navid B. am Abend des 19. Dezember nur nach Hause in seine Flüchtlingsunterkunft. Er hatte einen Freund besucht und überquerte gerade eine Straße mitten in Berlin, als er einen Wagen auf sich zufahren sah. "Ich sah, dass es ein Polizeiwagen ist. Als sie mich heranwinkten, hielt ich an und zeigte ihnen alle meine Papiere", sagte er im Gespräch mit der Zeitung 'Guardian'.

Dann habe er sich auf dem Rücksitz eines Streifenwagens wiedergefunden, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Mit Blaulicht sei er zur Polizeistation gefahren worden. Später am Abend wurden ihm dann seinen Angaben zufolge die Augen verbunden, bevor er an einen anderen Ort transportiert wurde.

Den Angaben von B. zufolge hätten dort "zwei Polizisten die Hacken ihrer Schuhe gegen meine Füße gedrückt", einer hätte zudem "mit seiner Hand großen Druck auf meinen Nacken ausgeübt."
Weiter erzählt er, dass er sich ausziehen musste und dann fotografiert worden sei. "Als ich mich wehrte, haben sie mich geschlagen", wird B. zitiert. Dann seien ihm drei Blutproben entnommen worden.

"Ich erzählte ihnen ruhig, dass ich gar weder fahren, noch einen Wagen anlassen kann", heißt es weiter. "Ich sagte, in meinem Land gäbe es Tod und Krieg, deshalb bin ich geflüchtet und habe Hilfe gesucht. Ihr in Deutschland versorgt uns uns mit Essen, medizinischer Hilfe und Sicherheit. Ihr seid wie meine Mutter. Wenn ich diese Dinge getan haben sollte, dann solltet ihr mir keinen einfachen Tod ermöglichen, sondern mich langsam aufschneiden."

Während den beiden Tagen und der Nacht in Polizeigewahrsam habe er nur mutmaßen können, ob die Polizisten ihn verstehen können. Die Kommunikation sei furchtbar gewesen. Er habe er nur Tee und Kekse bekommen. "Aber ich konnte nicht essen. Die Kekse waren fürchterlich und der Tee kalt." Weiter erzählt B., er habe auf einem Holzbett schlafen müssen.

Die Berliner Polizei weist unterdessen die Vorwürfe zurück. "Das hat nicht den Hauch von Substanz", sagte Sprecher Winfrid Wenzel. "Der Mann ist definitiv von keinem Mitarbeiter misshandelt worden." Die Polizei sehe sich in ihrer Arbeit diskreditiert. "Das tut uns richtig weh." Wenzel zufolge sprach die Polizei nach der Veröffentlichung des 'Guardian'-Interviews mit dem 24-Jährigen - mit Hilfe eines fachkundigen Dolmetschers. B. habe betont, er sei weder geschlagen, misshandelt oder verletzt worden. Vielmehr habe er sich dankbar für die Unterstützung gezeigt.

Das Problem für den Mann aus Pakistan: Als er freigelassen wurde, hatten die Medien bereits über ihn berichtet. Laut 'Guardian' hat B. mit dem Blatt gesprochen, um bekannter zu machen, dass er unschuldig sei. Er fürchte in Deutschland um sein Leben, nachdem sein Name im Zusammenhang mit dem Anschlag verbreitet worden sei. Außerdem sei seine Familie in Pakistan von Sicherheitskräften kontaktiert worden. Es habe Drohnanrufe gegeben.

Der Mann stammt aus der armen und unruhigen Provinz Baluchistan. Dort sind viele Extremistengruppen aktiv, unter anderem Separatisten, die für mehr Unabhängigkeit kämpfen. Menschenrechtsaktivisten sagen, der Staat lasse regelmäßig Menschen verschwinden. B. war laut 'Guardian' für eine der Gruppen für Baluchistans Unabhängigkeit politisch aktiv gewesen. Dafür habe er Todesdrohungen erhalten.

B. wurde nach seiner Entlassung in einem Hotel untergebracht, er soll dort zwei weitere Monate bleiben. Er bekommt Essen geliefert und muss die Polizei benachrichtigen, wenn er hinausgeht. Zudem könne er jederzeit anrufen, wenn er sich bedroht sehen sollte.