Corona-Talk bei Anne Will

Immer schön Hände waschen, sonst…

ARD-Moderatorin Anne Will.
© NDR/Wolfgang Borrs

10. März 2020 - 9:42 Uhr

Coronavirus-Krise wird langsam ernst

Hamsterkäufe, mehr als 1.000 Infizierte, der erste Tote – so langsam wird die Coronavirus-Krise ernst. Am Sonntagabend beschäftigte sich auch die Runde bei Anne Will mit dem derzeitigen Thema Nummer eins – und brachte viele Zusammenhänge noch einmal gut verdaulich auf den Punkt.

Gladbach gegen Köln vor leeren Rängen?

Aber erst einmal hatte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann schlechte Nachrichten für die Fußballfans. Er sagte, Großveranstaltungen ab 1.000 Leuten sollten abgesagt werden, so wie es Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gesagt hatte. Das beträfe auch das Bundesliga-Spiel am Mittwoch zwischen Mönchengladbach und Köln – oder wird es vor leeren Rängen stattfinden? So ganz deutlich wurde Laumann nicht.

Gesundheitssystem könnte an seine Grenzen stoßen

Ranga Yogeshwar
Ranga Yogeshwar erklärte, was es heißt, wenn die Zahl der Coronavirus-Infektionen sich jede Woche verdoppelt.
© deutsche presse agentur

Aber wie gefährlich ist das neue Coronavirus denn nun? "Wir wissen noch nicht genau, wie tödlich das Virus ist", sagte die Lungenexpertin Susanne Herold, Professorin an der Uni Gießen. Doch es deute sich an, dass die Sterblichkeit höher als bei der Grippe sei. Wobei sie die Anwesenden schlucken ließ, als sie sagte, dass bei der Grippewelle 2017/18 rund 25.000 Menschen gestorben seien.

Das ist aber nur ein Grund, warum die Politik jetzt Druck macht, führte Ranga Yogeshwar aus, Wissenschaftsjournalist vom WDR. Er rechnete ganz langsam vor, was es eigentlich heißt, wenn die Zahl der Infektionen sich jede Woche verdoppelt – nächsten Sonntag wären es schon 2.000, dann 4.000 – und Ende Mai eine Million. "Wenn man nichts macht!", rief er.

Aber wenn tatsächlich eine Million Menschen infiziert sein sollten und nur fünf Prozent davon einen Klinikplatz bräuchten, dann wäre das Gesundheitssystem schnell überfordert. Und genau das will die Politik unbedingt verhindern. Deswegen geht es gerade vor allem darum, dass sich das Virus möglichst langsam ausbreitet, damit nicht alle auf einmal krank sind.

Hausärztin hält "14 Tage Coronaferien" für denkbar

Doch schon jetzt knirscht es im System. Davon wusste die Berliner Hausärztin Sybille Katzenstein zu berichten. Sie erzählte von fehlender Schutzkleidung und regte an, dass Verdachtspersonen sich selbst testen sollen, damit sie möglichst niemanden infizieren, insbesondere nicht einen Arzt oder Pflegepersonal.

Sie zeigte sich auch ebenso wie Yogeshwar für die Idee offen, "14 Tage Coronaferien" einzulegen, in denen Schulen und Kitas und möglicherweise das gesamte Leben stillstehen sollen. Auch ein Fußballspiel müsse dann eben abgesagt werden. "Ich finde unsere Gesellschaft zu individualistisch, dass sie nicht begreift, dass es nicht um Fußballspiele geht, es geht um den Schutz der vulnerablen Leute, der alten und kranken Leute", sagte sie.

Warnung vor wirtschaftlichen Folgen der Krise

Der Ökonom in der Runde, Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, warnte vor den wirtschaftlichen Folgen. Er forderte dagegen ein Konjunkturpaket der Bundesregierung, das aus zwei Säulen bestehen solle: zum einen eine zeitweilige Mehrwertsteuersenkung, um den Konsum in Gang zu halten, und zum anderen ein Investitionspaket.

Laumann, der auch Arbeitsminister in NRW ist, meinte, das Wichtigste sei nun, dass die Belegschaften beieinander blieben und niemand entlassen werde. Das Kurzarbeitergeld müsse unbürokratischer werden. Ein Konjunkturpaket lehnte er ab, weil sich manche Branchen, etwa manche Handwerksberufe oder das Bauwesen, kaum vor Aufträgen retten könnten. Hilfen müssten dorthin fließen, wo sie am dringendsten benötigt würden.

Impfstoff gegen Coronavirus wohl erst nächstes Jahr

Der Ernst der Lage wurde deutlich in der Sendung, ebenso, dass es keine einfachen Lösungen geben wird. Zumal mit einem Impfstoff wohl frühestens im nächsten Jahr zu rechnen ist. Es wird weitere Infektionen geben, die entscheidende Frage ist nur, wie schnell. Laumann äußerte die Hoffnung, dass das Virus im Sommer abflaut, wie andere Viruserkrankungen auch. Aber sicher sei das keineswegs, wie er einräumte. Es bleibt wohl jedem Einzelnen nur der bereits eingeübte Corona-Dreiklang: Großveranstaltungen meiden, in die Armbeuge niesen und immer schön Hände waschen.