Angst schießt keine Tore

Zurück zu alten Schwächen: Fingernägelkauend wirkte Joachim Löw auf der Bank genauso ängstlich wie seine Elf auf dem Rasen.
© dpa, Andreas Gebert

02. Juli 2012 - 14:30 Uhr

Tja, Jogi, da lagen wir beide ja wohl mal völlig daneben gestern. Ich mit meiner Eierlikör-Prognose, du mit deinem Bauchgefühl. Im Versagen vereint. Gibt schönere Dinge. Selbst Fußpilz ist da angenehmer, weil reversibel. Aber eine Sache gibt es, auf die ich an dieser Stelle eindringlich hinweisen möchte, damit du, solltest du weiter deines Amtes walten, nicht titellos in die DFB-Annalen eingehen musst: Angst schießt keine Tore.

Was um alles in der Welt hat dich dazu bewogen, das Vertrauen in die eigene Stärke der vermeintlichen Allmacht eines Mannes unterzuordnen, der fürwahr nicht zu den schlechtesten seiner Zunft gehört, der aber doch auch nur ein Rädchen im Kollektiv ist? Den Fokus auf die Eliminierung von Pirlo zu setzen, war der (bauch)entscheidende Schritt in die fatale Abhängigkeit. Der Warschauer Pakt mit dem taktischen Teufel. Fußball ist Kopfsache, weißt du das denn nicht mehr? Mutige Menschen brauchen keine Sicherheiten.

Durch ein paar hingegurkte Aktionen in der ersten Halbzeit hatte man vielleicht mal kurz den Geschmack einer möglichen Führung auf der pelzigen Zunge, aber über allem lag deutlich spürbar die übergroße Bürde des historischen Moments: Endlich das Italien-Trauma beenden, endlich einen Titel holen, endlich zeigen, dass man erwachsen ist.

Doch im Spiel mit den Schatten der Vergangenheit obsiegten die Dämonen. Machtlos ein Neuer, orientierungslos ein Lahm, gedankenlos ein Schweinsteiger. Podolski alleslos. Und ein Italien, das im unerschütterlichen Glauben an sich seinen Stiefel runterspielte und nichts infrage stellte. Ein Wolf überlegt sich auf den letzten Metern zur Lichtung auch nicht, ob sein Instinkt eigentlich noch funktioniert.

Ballotellateralschaden

Ach, der kleine Philipp - gegen Muskel-Mario sah er noch kleiner aus.
Ach, der kleine Philipp - gegen Muskel-Mario sah er noch kleiner aus.
© dpa bildfunk

Natürlich muss dann in so einem Spiel auch noch Balotelli zum Matchwinner und quasi zum deutschen Ballotellateralschaden avancieren. Badstuber kann sich vielleicht noch erinnern, dass da mal was über ihm war. Und dass Homophobiker Cassano mit der unerträglichen Leichtigkeit des Beins durch die deutsche Abwehr tucke(r)n durfte und Hummels aussehen ließ, als kenne er Zweikämpfe nur vom Hörensagen, machte die Demütigung perfekt. Da half dann auch kein Reus oder Özil mehr, um das Kind noch mal aus dem Brunnen zu holen.

Nach 15 Pflichtspielsiegen nacheinander ist die DFB-Elf wieder auf dem harten Boden der Tatsachen angekommen. Jetzt beginnt die Phase, auf die jeder so richtig Bock hat: Spiele aufarbeiten, Fehler analysieren, Schlussfolgerungen ziehen und anschließend behaupten, man hätte jetzt alles verstanden. Quod esset demonstrandum.

Derweil werde ich gegen jede Tradition den Italienern im Finale gegen Spanien die Daumen drücken. Bereitet dem ganzen Tiqui-taca ein Ende. Und komm, was soll's, macht Balotelli auch gleich noch zum Torschützenkönig. Dann ist zumindest mein Arsch in Nutella. In diesem Sinne: Lassen Sie es sich schmecken.