Videos zeigen wehrlose Sicherheitskräfte

Ließ die Polizei den Sturm aufs Kapitol einfach zu?

Unterstützer von US-Präsident Trump stürmen das Kapitolgebäude, wo die Abgeordneten den Sieg des gewählten Präsidenten Biden für die Präsidentschaftswahlen im November bestätigen sollten.
Unterstützer von US-Präsident Trump stürmen das Kapitolgebäude, wo die Abgeordneten den Sieg des gewählten Präsidenten Biden für die Präsidentschaftswahlen im November bestätigen sollten.
© dpa, Carol Guzy, nwi

08. Januar 2021 - 8:42 Uhr

Beispielloses Vorgehen zahlreicher Chaoten

Der Schock nach den Bildern des Kapitol-Sturms sitzt tief: Chaos und Gewalt mit tödlichem Ausgang in der Herzkammer der US-Demokratie. Es stellt sich die große Frage: Wie konnte eine derart große Sicherheitslücke entstehen und die zahlreichen Chaoten in das Innere des US-Kabinetts gelangen?

+++ Alle Infos zum Sturm auf das Kapitol in unserem Liveticker +++

Ansturm auf das Kapitol kam nicht überraschend

VIDEO: Was passierte wann im Kapitol: Die Chronologie

Aktive und ehemalige Vertreter der Sicherheitskräfte reagierten fassungslos auf die Gewalttaten in Washington. Die Ausschreitungen mit mehreren Toten seien eine der schwersten Sicherheitspannen in der jüngeren Geschichte der USA, sind sich viele von ihnen einig.

Gerade aufgrund der seit Wochen aufgeladenen Situation in den USA hätte man die Ausschreitungen erahnen müssen. Spätestens nachdem Donald Trump wenige Stunden zuvor unweit des Kapitols entfernt einen "Gang zum Kapitol" gefordert hatte.

Doch Sicherheitskräfte beklagen, dass es für die Sitzung für die Auszählung der Wahlmänner-Stimmen von Repräsentantenhaus und Senat kaum Planungen gab, um einer bedrohlichen Lage entgegenzuwirken, schreibt die Nachrichtenagentur Reuters.

QAnon-Anhänger laufen ungestört durchs Kapitol

Die für das Kapitol zuständige U.S. Capitol Police war völlig überfordert. Aus bisher unklaren Gründen griffen andere Sicherheitskräfte des Bundes über Stunden nicht ein. Videos zeigen sogar, wie die Polizei ungestört die Demonstranten passieren lässt und sogar im Kapitol ein Selfie mit einem Eindringling mit einer Sicherheitskraft zulässt.

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Dabei sind die Beamten der Kongress-Polizei eigentlich darauf trainiert, Demonstranten bereits von den Marmor-Treppen des Kapitols fernzuhalten, berichtete Terrance Gainer, einer der ehemaligen Chefs der Truppe gegenüber Reuters. "Nachdem sie die Treppe verloren hatten, verloren sie auch Türen und Fenster", sagte er. Der Weg durch die Flure und Büros waren frei.

Unter den Kapitol-Stürmern waren auch Anhänger der QAnon-Verschwörungstheorie. Nicht unvorhersehbar: Denn auf Twitter fänden sich seit Jahresbeginn über 1.400 Posts aus dem Umfeld von Anhängern der Verschwörungstheorie. Die Nachrichten im Netz würden sich auf Trumps Demonstration am 6. Januar und mögliche Aufrufe zur Gewalt beziehen, sagte ein ehemaliger Mitarbeiter der US-Sicherheitsbehörden.

Es muss eine gründliche Aufarbeitung geben

Wo genau die Schuld an der beispiellosen Sicherheitslücke festzumachen ist, muss jetzt aufgeklärt werden. Warum waren die Beamten so wehrlos? Und warum wurde die Nationalgarde erst über eine Stunde, nachdem die Demonstranten die Barrikaden überwunden, mobilisiert?
Im vergangenen Sommer hatte die Trump-Regierung bei den Protesten gegen Polizei-Brutalität hingegen schnell dafür gesorgt, dass die Sicherheitskräfte des Bundes massiv ausrückten.

Einige US-Abgeordnete machten bereits mangelnde Vorbereitungen für das Desaster verantwortlich. "Unter diesen Umständen haben die Beamten vor Ort ihre Arbeit so gut wie möglich erledigt, aber ganz offensichtlich gab es keine ausreichenden Planungen", beklagte etwa Vicente Gonzalez, Demokrat aus Texas.

"Das hätte nie passieren dürfen", sagte ein weiterer hoher Sicherheitsbeamter zu Reuters. "Wir haben alle vorher gewusst, wer nach Washington kommen wird." Neil Trugman, ehemaliges Mitglied der Kapitol-Polizei, sagte: "Das ist kein Protest mehr. Da ist eine Linie überschritten worden. Das ist Terrorismus."