Angela Merkel im Youtube-Interview: "Hass ist ein Zeichen von Unfähigkeit, Argumente richtig vorzubringen"

Die Bundeskanzlerin Merkel im Interview mit populären Youtubern.
Die Bundeskanzlerin Merkel im Interview mit populären Youtubern.
© dpa, Wolfgang Kumm, kno

16. August 2017 - 21:26 Uhr

Vier Youtuber interviewen die Kanzlerin

Bundeskanzlerin Angela Merkel war das erste Mal live auf Youtube zu sehen. Sie stellte sich im Interview den Fragen von populären Videobloggern. Ischtar Isik, MrWissen2go, AlexiBexi und ItsColeslaw haben der Kanzlerin Fragen zu verschiedensten Themen gestellt. Das Interview wurde per Livestream auf dem Youtube-Kanal 'Deine Wahl' übertragen.

Ständige Interaktion mit den Zuschauern

Das Interview fand im Youtube-Space in Berlin statt. Allein das war für die Kanzlerin schon Neuland. Zuletzt hatte sie der Youtuber 'LeFloid' im Kanzleramt interviewt. Nacheinander hatten die Youtuber in diesem Jahr jeweils zehn Minuten Zeit ihre Fragen loszuwerden. Sie hatten eine bunte Themenmischung vorbereitet. Es ging los mit dem Themengebiet soziale Gerechtigkeit, über den Automobilmarkt und junge Menschen in der Politik bis hin zu außenpolitischen Themen.

Parallel konnten die Zuschauer im Live-Chat und über den Hashtag #DeineWahl auf Twitter über die Themen des Interviews diskutieren. Zudem wurde im Anschluss an jedes Interviews eine Umfrage zum jeweiligen Themenbereich gestartet, auf dessen Ergebnis die Bundeskanzlerin direkt reagieren konnte. Das Besondere an dem Interview war, dass die Kanzlerin im Voraus nicht wusste, welche Fragen auf sie zukommen würden. Dennoch konnte sie schnell und konkret auf alle Fragen eingehen.

Klare Kante beim Thema "Ehe für Alle"

Die 20-jährige ItsColeslaw, alias Lisa Sophie, machte den Anfang. In ihren zehn Minuten ging es vor allem um die Themen soziale Gerechtigkeit und Schulbildung. Im Jahr 2015 galten 12,9 Millionen Menschen in Deutschland als arm. Für die Jahre 2016 und 2017 prognostizierte der Paritätische Gesamtverband eine Verschlimmerung dieser Zahl. Merkel will mit mehr Bildungsangeboten für Kinder und mehr Arbeitsplätzen gegen die Schere zwischen Arm und Reich vorgehen. Die Arbeitslosenzahl geht seit dem Jahr 2006 immer weiter zurück.

Zudem sollen die Bildungsmöglichkeiten verbessert werden. Die Kanzlerin will sich für einheitliche Standards der Lehrpläne einsetzen und die digitalen Bildungsmöglichkeiten ausbauen. Für sie persönlich sei es außerdem wichtig, dass Schüler in der Schule vor allem "lernen zu lernen".

Klare Kante zeigte Merkel zu ihrem "Nein" bei der Abstimmung über die Ehe für Alle. Es sei eine Gewissensentscheidung gewesen. "Für mich ist die Ehe nach dem Grundgesetz eine Verbindung von Mann und Frau", sagte die Bundeskanzlerin.

Laut der Twitter-Umfrage, die zum Ende des ersten Interviews gestartet wurde, finden 60 Prozent der Nutzer, dass Deutschland sozial ungerecht ist. Dies sei kein überraschendes Ergebnis, so Merkel. Sie wolle sich weiterhin für mehr soziale Gerechtigkeit einsetzen.

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Kein Elektroauto für die Bundeskanzlerin

dpatopbilder - Zuschauer verfolgen in einem Nebenraum wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), am 16.08.2017 in Berlin von YouTubern und der Online-Community in einem Livestream interviewt wird. Foto: Wolfgang Kumm/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Journalisten im Nebenraum verfolgen das Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.
© dpa, Wolfgang Kumm, kno

Im darauf folgenden Interview mit Youtuber AlexiBexi (Alex Böhm) ging es vor allem um die Automobilindustrie. Merkel betonte, dass die Autoindustrie ihre Fehler selbst ausbügeln solle. Die Fehler der Unternehmen dürften nicht auf Kosten der Steuerzahler bereinigt werden. Sie hoffe allerdings, dass die Skandale der Vergangenheit der Autonation Deutschland keinen allzu großen Schaden verursacht haben, da viele Arbeitsplätze in dieser Industrie beheimatet sind. Der Umfrage am Ende des Interview zufolge finden 62 Prozent der Twitter-Nutzer, dass die Autolobby einen zu großen Einfluss auf die Politik habe.

Im weiteren Verlauf erklärte die Kanzlerin, dass sie sich weiterhin für Elektromobilität einsetzen will. Es müsse Druck auf die Automobilindustrie aufgebaut werden, damit auch deutsche Hersteller bessere Fahrzeuge auf den Markt bringen.

"Letztlich geht es um Ihr Leben"

Im Interview mit der 21-jährigen Beauty-Bloggerin Ischtar Isik ging es zunächst um junge Menschen und Politik. Merkel erklärte, dass sie versuche, die jungen Wähler über die sozialen Netzwerke zu erreichen. Obwohl es in Deutschland tendenziell mehr alte als junge Bürger gibt, wolle sie die junge Generation dazu animieren, wählen zu gehen. "Letztlich geht es um Ihr Leben", appellierte sie. In der Twitter-Umfrage spiegelt sich jedoch wider, dass sich trotz der zahlreichen Informationsmöglichkeiten 59 Prozent der Wähler von der Politik nicht gut abgeholt fühlen.

Im weiteren Verlauf wurde Isik dann etwas persönlicher. Sie fragte, wie die Bundeskanzlerin mit Ablehnung und Hass gegenüber ihrer Person umgehe. Merkel erklärte, dass sie Hass nicht an sich heranlasse. Sie bezeichnete Hass als die Unfähigkeit, fundierte Argumente darzulegen. Sie sei erschüttert über die Ausdrucksweise vieler Menschen. Sie achte jeden, der anderer Meinung sei und diese Meinung auch begründen könne.

Müssen wir Angst vor einem dritten Weltkrieg haben?

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht am 16.08.2017 in Berlin zusammen mit YouTubern zusammen, nachdem sie in einem Livestream interviewt wurde. L-r.: Mirko Drotschmann, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Ischtar Isik. Foto: Wolfgang Kumm/dp
Glückliche Gesichter nach dem Youtube-Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.
© dpa, Wolfgang Kumm, kno

Im vierten und letzten Interview mit Mirko Drotschmann (MrWissen2Go) ging es vor allem um Außenpolitik. "Müssen wir aufgrund der Nordkorea-Krise Angst vor einem dritten Weltkrieg haben?", wollte er von der Kanzlerin wissen. "Nein", lautete ihre Antwort. Sie und die Regierungschefs der EU-Länder setzten sich für eine diplomatische Lösung ein.

Ferner ging es um das deutsch-türkische Verhältnis. Merkel sagte, es gäbe einige Differenzen zwischen dem türkischen Präsidenten Erdogan und ihr, dennoch könne man miteinander reden. Ein Thema war dabei auch die Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel und anderer deutscher Staatsbürger. Die Bundesregierung versuche alles, um die Inhaftierten zu befreien. Die Beziehungen seien in "schwierigem Fahrwasser", so Merkel.

Drotschmann sprach außerdem die Angst vieler Deutscher vor einer Islamisierung des Landes an. Merkel erklärte daraufhin, dass eine Religion gegenüber dem Grundgesetz keine Dominanz haben könne. Die Grundfreiheiten der Bundesbürger müssten garantiert sein, dazu gehöre auch die Religionsfreiheit.