Analphabetismus für viele Sachsen ein Tabu

© deutsche presse agentur

6. September 2019 - 14:20 Uhr

Ein Formular ausfüllen oder eine Bahnverbindung prüfen - was für den Großteil der Sachsen selbstverständlich ist, bereitet Schätzungen zufolge etwa 300.000 Menschen im Land Probleme. Viele gelten als gering literalisierte Erwachsene oder auch funktionale Analphabeten, können also maximal einfache Sätze lesen und schreiben.

Hilfe können sie bei der Koordinierungsstelle Alphabetisierung - kurz "Koalpha" - bekommen. "Wir sind für Betroffene, Umfeld und Akteure in dem Bereich da", sagte Projektkoordinatorin Ingrid Ficker. Allerdings würden sich Betroffene eher selten melden. Familie, Freunde, Nachbarn erkundigen sich demnach öfter, welche Möglichkeiten es in Sachsen gibt. Neben Alphabetisierungskursen - also Maßnahmen, um die Schwächen beim Lesen und Schreiben zu beheben - vermittelt "Koalpha" auch Hilfsangebote. Dazu zählt zum Beispiel Unterstützung beim Verstehen von Verträgen.

Laut Ficker sind etwa zwölf Prozent der 18- bis 65-Jährigen in der Bevölkerung betroffen. In Berufung auf die bundesweite Leo-Studie werde von etwa 300.000 betroffenen Menschen in Sachsen ausgegangen, sagte ein Sprecher des Sächsischen Kultusministeriums. Genauere Angaben gibt es nicht. "Das sind alles Schätzungen", so der Sprecher. In ganz Deutschland sind laut Studie etwa 6,2 Millionen Menschen betroffen.

Eindeutige Zahlen fehlen auch, weil viele nicht über ihre Probleme sprechen. "Die Menschen denken, sie sind selbst Schuld", so Ficker. "In Deutschland besuchen alle die Schule. Deswegen gehen viele davon aus, dass auch alle lesen und schreiben können."

Auch deswegen gibt es den Weltalphabetisierungstag am 8. September. Die Problematik soll thematisiert statt tabuisiert werden. Darum stellt "Koalpha" die Arbeit im ganzen Land vor, unter anderem auf dem Tag der Sachsen in Riesa. "Viele Menschen sind sehr erleichtert, wenn ihr Umfeld endlich Bescheid weiß."

Quelle: DPA