Analphabeten flüchten in die Isolation – Millionen Deutsche betroffen

Der Alltag ist für Analphabeten oft schwer zu meistern.
Der Alltag ist für Analphabeten oft schwer zu meistern.
© picture alliance / dpa, Julian Stratenschulte

28. Oktober 2013 - 16:25 Uhr

Jeder siebte Deutsche kann nicht lesen und schreiben

Einkaufen gehen, der Blick auf den Zug-Fahrplan, sich zurechtfinden – was anderen Menschen leicht fällt, ist für Analphabeten eine unüberwindbare Hürde. Jeder siebte Erwachsene in Deutschland kann nicht richtig lesen und schreiben. Viele Betroffene flüchten sich deshalb in die Isolation.

"Neueste Studien haben gezeigt, dass es in Deutschland circa 7,5 Millionen Erwachsene zwischen 16 und 65 Jahren gibt, die so rudimentäre Lese- und Schreibkenntnisse haben, dass sie ihr Leben nicht eigenverantwortlich gestalten können", erklärt Ralf Häder vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung, der ab diesem Montag einen Fachkongress zum Thema ausrichtet. Betroffene gebe es in allen Altersgruppen, unter Männern und Frauen ebenso wie unter Einwanderern und Deutschen.

"Die Betroffenen stoßen ständig an Grenzen: Bei jedem Einkauf, bei jedem Weg von A nach B. Diese Grenzen führen dazu, dass sie sich oft komplett zurückziehen", so der Experte. Um den Alltag zu meistern, würden sich viele ein regelrechtes "Schutzsystem" aufbauen oder müssten auf die Hilfe ihrer Partner und Familien setzen.

Analphabetismus oft ein Tabu

Nicht alle Analphabeten scheitern am Alltag: "Viele haben einen Job und eine Familie. Aber es gibt mindestens genauso viele, die darunter leiden und selbst den Ausweg nicht finden", berichtet Häder. Zudem gebe es gibt Hilfsangebote, so können auch Ältere in spezialisierten Kursen noch lesen und schreiben lernen. "Schon nach kurzer Zeit hat man andere Menschen vor sich, die wieder aufrecht gehen und an Selbstbewusstsein gewinnen", schilderte Häder seine Erfahrungen.

Ein großes Problem bestehe jedoch darin, dass Analphabetismus erst langsam aus der Tabu-Ecke herauskomme. Betroffene ernteten häufig Unverständnis und bekämen die Schuld für ihr Unvermögen zugeschoben. Er würde deshalb nie pauschal allen Betroffenen raten, ihr Umfeld einzuweihen. Umgekehrt empfiehlt Häder, Menschen bei einem entsprechenden Verdacht anzusprechen und Hilfe anzubieten - etwa wenn der Kollege immer gerade dann keine Brille zur Hand hat oder dringend weg muss, wenn es ein Formular auszufüllen gilt.