Amanda Knox und Raffaele Sollecito zu hohen Haftstrafen verurteilt

RTL-Reporter Udo Gümpel: "Die Amerikanerin Amanda Knox sollte den Boden der USA tunlichst nicht mehr verlassen, denn Italien wird einen internationalen Haftbefehl ausstellen, der zeitlich unbegrenzt ist: Mord verjährt nie."
RTL-Reporter Udo Gümpel: "Die Amerikanerin Amanda Knox sollte den Boden der USA tunlichst nicht mehr verlassen, denn Italien wird einen internationalen Haftbefehl ausstellen, der zeitlich unbegrenzt ist: Mord verjährt nie."

11. April 2014 - 16:36 Uhr

RTL-Reporter Udo Gümpel berichtet aus Florenz

Die Geschwister der ermordeten Meredith Kercher, Stephanie und Lyle, stehen in der zweiten Reihe im großen Saal des Berufungsgerichtes von Florenz, als der Richter den Urteilsspruch gegen Amanda Knox und Raffaele Sollecito in der Nacht verkündet: 28 Jahre und sechs Monate Haft für die Amerikanerin, 25 Jahre für den jungen Italiener. Sollecito wurde in der Nacht unweit der Grenze zu Slowenien und Österreich aufgegriffen und sein Pass eingezogen. "Ich bin erschrocken traurig über das ungerechte Urteil", erklärte Knox. Doch die Anwälte der beiden Verurteilten wollen weiter kämfen: "Es ist ein schmerzvoller Abschnitt, aber es war nur ein Abschnitt, das Ping Pong wird weitergehen. Wir werden definitiv Berufung einlegen", sagte Sollecitos Anwältin.

"Und doch ist es keine Zeit zum Feiern", meinte der Bruder des Mordopfers. Zu lang habe die italienische Justiz gebraucht, um endlich einen Schlussstrich unter den Fall zu ziehen. Erst der Schuldspruch 2009, dann die Aufhebung, im März letzten Jahres annullierte dann das Oberste Gericht Italiens den Freispruch für Knox und Sollecito, verwies den Fall nach Florenz. Das Florentiner Gericht hat nun die sehr präzisen Vorgaben des Obersten Gerichtshofes Italiens, La Cassazione, erfüllt. Auf 76 Seiten hatten Italiens Oberste Richter genau aufgelistet, warum Amanda Knox und Raffaele Sollecito am Mord schuldig gewesen sein müssen.

Raffaele Sollecito, der beim Urteilsspruch nicht im Gerichtssaal anwesend war, hatte bis zuletzt gehofft. "Es gibt keine schlagenden Beweise" gegen ihn und seine damalige Freundin, "ein Freispruch ist zwingend nötig", hatte sein Anwalt Carlo della Vedova im Schlussplädoyer verlangt.

Am Ende aber wog das Gericht von Florenz alle Indizien ab und befand sie für schwer genug, für überzeugend. Da ist vor allem die falsche Beschuldigung, die Amanda Knox gleich in den ersten Tagen nach dem Mord am 1. November 2007 gegen den Kneipenbesitzer Patrice Lumumba vorgebracht hat. Warum beschuldigte Knox einen Unschuldigen, noch dazu einen Schwarzafrikaner?

Mehrere Indizien sprachen gegen Knox und ihren damaligen Freund

Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand etwas von dem afrikanischen Mittäter, dem Ivorer Rudy Hermann Guede, dessen DNA nun wirklich massenhaft am Tatort gefunden wurde. Nur wer am Tatort gewesen war, zum Tatzeitpunkt, konnte dies wissen, und die Polizei wissentlich auf eine falsche Fährte locken. Die Verteidigung erklärte diese falsche Anschuldigung immer mit einer gewissen Verwirrung der jungen Amerikanerin. Die Polizisten glaubten Amanda zunächst, und Lumumba, in dessen Bar Amanda Knox aushalf, kam sogar in Haft. Solange bis der echte afrikanische Täter, auf der Flucht in Deutschland, festgenommen wurde. Nun muss Amanda Lumumba noch mit 10.000 Euro entschädigen.

Das nächste wichtige Indiz gegen Knox und ihren Freund war eine Erklärung in eigener Sache in den ersten Tagen nach der Tat, freiwillig und schriftlich abgegeben. Darin erklärte Amanda Knox, dass sie zum Tatzeitpunkt im Hause gewesen sei und die Schreie des Opfers gehört habe. Die seien so schlimm gewesen, dass sie sich die Ohren zugehalten habe. Doch warum hat sie da nicht sofort die Polizei gerufen? Warum den falschen Mann beschuldigt?

Darauf hat Amanda nie geantwortet, sondern auch diese eigene schriftliche Erklärung später dem Druck der Polizei zugeschrieben. Doch das Gericht von Florenz sah im Wortlaut der Erklärung eindeutiges Täterwissen, ein wichtiges Indiz gegen Amanda Knox. Das dritte unumstößliche Indiz gegen die beiden war der vorgetäuschte Einbruch im Haus der beiden Studentinnen. Wenn ein Fremder den Mord begangen haben sollte, musste er ja irgendwie ins Haus gekommen sein, die Schlüssel hatten schließlich nur Amanda und die Ermordete.

Also täuschte man einen Einbruch vor, allerdings mit einem Schönheitsfehler. Die Glassplitter eines Fensters, über den der "unbekannte Täter" ins Haus gekommen sein soll, laut Erzählung von Knox, lagen oben auf einer Decke, die aber blutbefleckt war: Damit stand fest, dass das Glas erst nach dem Mord kaputt gegangen, nicht davor. Also war alles nur vorgetäuscht. Auch reinigten die Beiden das Häuschen am Morgen nach der Tat, dabei mischte sich das Blut von Meredith Kercher mit der DNA von Amanda Knox – überall im Bad.

Für die beiden jetzt Verurteilten sprach, dass ein Tatmesser nicht eindeutig identifiziert werden konnte, dass dank schlampiger Polizeiarbeit viele sicher geglaubte Spuren ad acta gelegt werden mussten.

Am Ende aber, nach fast 12 Stunden Beratung, hat der Appellations-Schwurgerichtshof von Florenz dann doch ein klares Urteil gefunden. Raffaele Sollecito sei, so dessen Anwalt Luca Maori, "völlig geschockt", damit habe er nicht gerechnet. Er wird seinen Pass abgeben müssen, und in einigen Monaten, wenn das Urteil nach der endgültigen Bestätigung durch das Kassationsgericht in Rom rechtskräftig sein wird, eine Haftstrafe von 21 Jahren antreten müssen – vier Jahre hat er ja bereits nach dem ersten Schuldspruch verbüßt.

Die Amerikanerin Amanda Knox sollte den Boden der USA tunlichst nicht mehr verlassen, denn Italien wird natürlich einen internationalen Haftbefehl ausstellen, der zeitlich unbegrenzt gültig ist: Mord verjährt nie.

"All das aber bringt uns unsere Schwester nicht zurück", meinte Stephanie Kercher, die ihrer Schwester wie aus dem Gesicht geschnitten aussieht. Ein Trost bleibt der Familie Kercher. Nach fast sieben Jahren hat die juristische Irrfahrt durch Italiens Gerichtshöfe nun ein Ende gefunden. Drei Täter sind ermittelt und verurteilt worden, auch wenn ein reiner Indizienprozess wie dieser nie alle Zweifel ganz ausräumen kann.