„Die Gesellschaft verdrängt, unter was für Umständen Menschen in Deutschland leben"

Immer mehr Rentner gehen zur Tafel

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7. Dezember 2019 - 10:27 Uhr

20 Prozent mehr ältere Tafel-Kunden als noch 2018

Steigende Altersarmut – in Deutschland seit Jahren ein Problem. Das macht sich auch bei den Tafeln bemerkbar. Innerhalb eines Jahres ist die Zahl der Rentner, die sich ihre Lebensmittel bei der Tafel holen müssen, um 20 Prozent gestiegen. Das sagte Jochen Brühl, Verbandschef der Tafeln in Deutschland, der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Tafel-Chef: „Es kostet viel Energie, seine Armut zu verstecken"

1,65 Millionen Menschen sind 2019 regelmäßig zur Tafel gekommen. Das sind 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Darunter sind laut Brühl 430.000 Rentner. "Es kostet viel Energie, seine Armut zu verstecken. Viele Rentner haben diese Energie für ein Versteckspiel vielleicht einfach nicht mehr", sagte Brühl der Zeitung. Ein weiterer möglicher Grund für den Anstieg sei, dass es mittlerweile auch spezielle Angebote wie Senioren-Nachmittage gebe. Die Tafel sei damit auch eine Anlaufstelle für Alters-Einsamkeit.

Doch nicht nur Senioren sind auf die Tafel angewiesen: Auch eine halbe Million Kinder und Jugendliche holen sich regelmäßig dort ihre Lebensmittel. Bereits im September hatte der Tafel-Chef gewarnt: "Hier wächst die Altersarmut von morgen heran."

"Die Gesellschaft verdrängt, unter was für Umständen Menschen in Deutschland leben. Ich glaube zwar nicht, dass Menschen hierzulande hungern. Aber gerade ältere Menschen berichten uns, dass sie die Heizung im Winter nicht anstellen, weil sie Sorge haben, die Heizkostenabrechnung im Frühjahr nicht mehr bezahlen zu können."

Tafel fordert mehr Unterstützung vom Staat

Die Tafeln bräuchten mehr Unterstützung vom Staat, fordert Jochen Brühl. "Wir brauchen mehr Kühllager, Fahrzeuge und hauptamtliche Unterstützung […] Das Geld will uns aber niemand geben."

Gerade auch wenn die Politik davon spreche, mehr Lebensmittel zu retten – prinzipiell freue man sich zwar darüber. Doch über die praktische Umsetzung mache sich niemand Gedanken. "Wie wir das organisieren sollen, noch mehr Lebensmittel als bislang zu retten, interessiert offenbar niemanden."