Als Flüchtling in Deutschland - der zweite Gang durch die Hölle

© dpa, Axel Heimken

17. September 2014 - 19:19 Uhr

Städte beklagen mangelnde Unterstützung

Sie haben ihre Heimat verlassen, um es in Deutschland einmal besser zu haben. Doch was viele der Flüchtlinge, die den vermeintlich sicheren Hafen Deutschland erreicht haben, dann hier erleben, ist oft menschenunwürdig und ein dunkles Kapitel unserer Zeit.

Hamit (Name auf seinen Wunsch von der Redaktion geändert) zum Beispiel diente der Bundeswehr sieben Jahre in Afghanistan als Übersetzer. Anfang 2014 durfte er endlich – geplagt von Todesängsten und Todesdrohungen – nach Deutschland ausreisen. Doch was er und seine Familie hier bisher erlebten, ist einfach nur die zweite humanitäre Katastrophe.

Der nicht einmal 30 Jahre alte Mann wurde mit Frau und den beiden Kindern in Köln von der Stadt in ein Hotel gebracht. Doch was das Wort Hotel verspricht, kann diese Gebäude beim besten Willen nicht halten. Eingepfercht in ein kaum 15 Quadratmeter großes Zimmer musste die Familie ein halbes Jahr leben. Das gesamte Hotel wird von der Stadt als Flüchtlingsunterkunft genutzt. Hauptsächlich leben Flüchtlinge vom Balkan in der Notunterkunft.

Doch Hamit und seine Familie finden in dem Hotel überhaupt keine Ruhe. Die Hotelleitung wünscht beispielsweise keinen Besuch, sie öffnet die Post der Familie, hat einen weiteren Schlüssel für das Zimmer. "Ich fühlte mich in Afghanistan verfolgt und hier fühle ich mich jetzt wieder verfolgt", sagt er. "Ich dachte, ich bin hier in Sicherheit, aber ich fühle mich alleingelassen und habe Angst um meine Familie."

Hamits Kinder sehen kaum die Sonne, die Stadt meldet sich nicht. Seine Frau verbringt oft die gesamten 24 Stunden des Tages in dem Zimmer, aus Angst, der Hotelier könne ihnen noch die letzten Habseligkeiten nehmen. "Meine Kinder brauchen einen Kindergarten, da könnten sie schnell deutsch lernen. Aber ich weiß nicht einmal, an wen ich mich diesbezüglich wenden muss. Niemand hilft mir."

Hamit geht auf Wohnungsbesichtigungen, doch er hat keine Ahnung, wie umkämpft der Kölner Wohnungsmarkt ist. Er staunt darüber, dass 30 Menschen auf dem Besichtigungstermin erscheinen. Seine Chancen auf die Wohnung? Gleich null.

Wir konfrontieren die Stadt mit dem Problem. Stefan Ferber bestätigt, dass die Vorwürfe sehr schwerwiegend seien und verspricht, einen Sozialarbeiter zu dem Hotel zu schicken. Ferber ist Leiter des Wohnungsamtes der Stadt Köln. Er fühlt sich in seiner Tätigkeit vom Bund im Stich gelassen und schlichtweg überfordert. "Unser größtes Ziel ist Vermittlung in Wohnraum. Bei Zuzugszahlen von über 100 Personen im Monat kommen wir da nicht mit", erklärt er im Gespräch mit RTLakuell.de.

Containerunterbringung als letzte Lösung

Weil die Stadt nicht genügend Wohnungen vermitteln kann, landen die Flüchtlinge in diesen heruntergekommenen Hotels. Und das ist dann auch noch die teuerste aller Unterbringungsarten. Bis zu 2.800 Euro im Monat sind für die vierköpfige Familie fällig. Doch der Stadt sind die Hände gebunden. "Wegen des angespannten Wohnungsmarktes wird es immer schwieriger, geeigneten Wohnraum zu finden", sagt Ferber.

Für die Hoteliers ein gefundenes Fressen. Eine höhere Auslastung als durch die Familien können sie mit ihren Häusern kaum erzielen. Weil sie wissen, dass die Flüchtlinge keine Chance haben, schrecken sie auch vor Repressalien und Drohungen wie im Fall Hamits nicht zurück.

Dabei hat Hamit sogar noch Glück. Er zeigt uns die Unterkunft eines anderen Dolmetschers aus Afghanistan, der in einem Wald bei Brühl zwischen Köln und Bonn in einem Container haust. Claus-Ulrich Prölß vom Kölner Flüchtlingsrat sind diese Probleme bekannt: "Die kommen zu uns und denken: Endlich der demokratische Rechtsstaat. Endlich in Freiheit. Und dann landen sie in einer Baracke und keiner kümmert sich. Niemand sagt denen, wo sie hingehen können", so Prölß.

Auch der Hamburger Sozialsenator Detlef Scheele beklagt die Zustände: "In Hamburg wissen wir kaum, wie wir die Flüchtlinge noch unterbringen sollen. In anderen Bundesländern dagegen werden ungenutzte Wohnungen abgerissen oder Schulen geschlossen." Er fordert daher einen neuen Verteilungsschlüssel, auch die ländlichen Regionen müssten mehr Flüchtlinge aufnehmen.

Doch auch das Flächenland Thüringen zum Beispiel warnt: "Wir sind an unsere Kapazitätsgrenzen gestoßen", beklagt Innenminister Jörg Geibert (CDU). Die Zahl der Menschen, die in Deutschland um Asyl bitten, steigt seit Jahren unaufhörlich. Doch ist es wirklich eine Lösung, die Menschen in Container zu stecken? Der Kölner Flüchtlingsrat lehnt die dauerhafte Unterbringung von Menschen in Containern kategorisch ab. "Gerade für besonders schutzbedürftige Personengruppen wie für Kinder, Kranke oder alte Menschen ist das Leben im Container unzumutbar", so Prölß.

Dafür brauchen die Städte Investitionshilfen. Es geht aber nicht nur um Geld, sondern auch "um eine vernünftige Betreuung dieser Menschen. Sie brauchen etwa Sprachförderung und gesundheitliche Versorgung", sagt der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Stephan Articus. Ohne zusätzliche Hilfe der Länder seien die Kommunen am Ende ihrer Möglichkeiten.

Fakt ist: Es kann nicht die Lösung sein, diese Menschen, die so viel durchgemacht haben, in einen Container zu sperren. Die Politik muss endlich Lösungsansätze bringen und die Kommunen unterstützen. Menschen wie Hamit haben ihr Leben für deutsche Interessen aufs Spiel gesetzt und verdienen mehr als eine Absteige.