Alonsos bange Sekunden: "Ich konnte nicht mehr atmen"

Fernando Alonso sitzt regungslos im Cockpit, Rauch steigt auf
© REUTERS, FRANCOIS LENOIR

03. September 2012 - 11:47 Uhr

Der Schock nach dem Horrorunfall in der 1. Kurve des Belgien-GP saß tief. Es war wieder einer dieser Momente, in denen schlagartig klar wurde, dass die Formel 1 nicht nur das Hochglanzprodukt ist, als das sie sich selber häufig ausgibt. Nur um Zentimeter schrammte Fernando Alonso an einem schrecklichen Unfall, womöglich sogar am Tod vorbei.

"Nachdem ich die Bilder im Fernsehen gesehen habe, habe ich erkannt, wie nahe er an meinem Kopf vorbeigeflogen ist", sagte der Spanier am Abend nach dem Rennen. Bei einer verhängnisvollen Kollision, die Romain Grosjean mit einem haarsträubenden Manöver gegen Lewis Hamilton ausgelöst hatte, schoss der ungestüme Franzose mit seinem Lotus katapultartig in die Luft und segelte über die Frontpartie von Alonsos Ferrari.

Dabei wurde die einzige richtig große Schwachstelle im ansonsten beeindruckenden Sicherheitskonzept der F1-Boliden deutlich: Durch die offene Bauweise sind die Köpfe der Fahrer ungeschützt. Wäre Grosjean rund 50 Zentimeter später abgehoben, hätte er Alonso voll am Kopf erwischt.

Alonso bleibt in dem Trümmerfeld regungslos im Cockpit sitzen. Die Welt hält den Atem an. Stewarts und Ärzte eilen herbei. Dann die Erlösung: Alonso steigt aus dem Ferrari-Wrack.

"Ich bin kurz im Auto sitzen geblieben, weil ich Rückenschmerzen hatte", sagte der WM-Spitzenreiter und enthüllte, wie haarscharf er an einer Katastrophe vorbeigeschlittert war: "Dann gab es einen Brand am Auto, die Streckenposten sind mit dem Feuerlöscher gekommen und ich bin schnell raus, weil ich nicht mehr atmen konnte - wegen des Rauchs."

Alonso wurde anschließend im Medical Center an der Strecke untersucht. Passiert ist ihm nichts. "Es ist enttäuschend wegen der verlorenen Punkte, aber ich bin glücklich, dass ich in fünf Tagen in Monza im Auto sitzen kann", so der 31-Jährige, denn am Auto sei im oberen Bereich "alles kaputt".

Hamilton wollte Grosjean an die Gurgel

Romain Grosjean; Fernando Alonso
Nur knapp verfehlt Romain Grosjean den Kopf von Fernando Alonso
© dpa, David Ebener

Im Gegenzug zu Hamilton, der Grosjean am liebsten schon am Streckenrand an die Gurgel gegangen wäre, reagierte Alonso zunächst erstaunlich gelassen. "Ich bin nicht sauer auf Romain, niemand macht das mit Absicht. Wir waren zur falschen Zeit am falschen Ort."

Allerdings war es nicht das erste Mal in dieser Saison, dass Grosjean schon in der Startphase einen Crash verursachte. "Es stimmt, dass wir schlimme Unfälle durch die gleichen Leute gesehen haben", sagte Alonso, gab aber zu bedenken: "Was manchmal im Fernsehen simpel zu verhindern aussieht, ist in der Realität oft nicht so einfach."

Nach einer Nacht drüber schlafen wuchs aber auch bei Alonso der Groll auf den Franzosen. "Ich denke, dass bestimmte Fahrer versuchen sollten, beim Start weniger Risiko einzugehen. Es gibt diese Tendenz gerade bei jungen Fahrern", sagte der Ferrari-Pilot, "aber es wäre besser, wenn sie gerade am Anfang ihrer Karriere die Regeln mehr respektieren und ihr Verhalten auf der Strecke den Vorschriften anpassen würden."

In die gleiche Kerbe schlug auch Stefano Domenicali. "Klar ist, dass es besser wäre, wenn in den Junior-Serien die Regeln zum Verhalten auf der Strecke unbeugsam durchgesetzt würden. Dann wären die Fahrer so gut wie möglich auf die höchste Klasse des Motorsports vorbereitet", sagte der Teamchef der Scuderia.

Ansonsten richtete man bei Ferrari den Blick schon wieder schnell nach vorne. "Wir müssen die Frustration hinter uns lassen und uns auf Monza vorbereiten, wo schon in sieben Tagen gefahren wird", so Domenicali. "Es ist ein sehr wichtiges Rennen, es ist in Italien, wir kämpfen um die Meisterschaft." Der PS-Zirkus dreht sich weiter, immer weiter…