Alles andere als ein Poker-Spiel: Worum es in den Brexit-Verhandlungen geht

03. April 2017 - 15:24 Uhr

Der Countdown läuft

29. März 2017, es ist so weit. Ein historischer Schritt oder Schnitt ist eingeleitet worden. Die britische Premierministerin hat, wie durch das Referendum unter ihrem Vorgänger David Cameron aufgetragen, den Austritt ihres Landes aus der EU beantragt. Dass dieser Schritt kommt, war seit der Abstimmung im Juni klar, nur ab jetzt ist es offiziell. Und ab jetzt läuft der Countdown: In den 24 Monaten ab heute müssen EU und Großbritannien ihren neuen Beziehungsstatus klären.

Vieles ist möglich

Dieser Status des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Miteinanders ist durch etwas mehr als 20.000 Gesetze, Verordnungen und Richtlinien definiert, die mit dem Vollzug des Brexits ihre Gültigkeit verlieren. Alle müssen neu verhandelt werden.

Ob das zu schaffen ist und etwas für beide Seiten Vernünftiges dabei herauskommt steht in den Sternen. Es herrscht nicht einmal Einigkeit darüber, wer bei den anstehenden Verhandlungen am längeren Hebel sitzt. Der englische 'Telegraph' sieht May im Vorteil: Die englische Wirtschaft sei stark wie nie, mögliche ökonomische Turbulenzen würde sie unbeschadet überstehen.

Wechselseitige Abhängigkeit

Brexit-Befürworter betonen gerne, die EU sei zu sehr von der Wirtschaftskraft der Insel abhängig, ebenso wie von den britischen Bürgern, die auf dem europäischen Festland leben und arbeiten. Vernachlässigt werden dabei nicht-britische EU-Arbeitnehmer in England, effiziente Arbeitskräfte, von denen niemand weiß, wer ihre Aufgaben übernehmen soll. Die Abhängigkeit ist wechselseitig, wie in jedem Miteinander. Eine große Frage ist, was mit dem Finanzstandort 'City of London' passiert. Die Briten hoffen, dass die EU es nicht wagen würde, die Verbindung zum Handelszentrum zu kappen. Wobei auch niemand mit Gewissheit sagen kann, ob es die Broker und Manager nicht vielleicht auch aus London wegzieht. Sicher ist, dass diejenigen, die zur Bedeutung der 'City' beitragen und beigetragen haben, mit großer Mehrheit gegen den Brexit waren.

Weder Glücksspiel noch Rosenkrieg

Es werden Szenarien heraufbeschworen, die an ein Pokerspiel erinnern, zwischen dem selbstbewussten Rebellen und dem erfahrenen Meister, der seinen Zenit hinter sich hat. Gerne wird auch das Bild der Scheidung und des Rosenkriegs benutzt. Dadurch entsteht der Eindruck, als ginge es hier um Sieg und Niederlage oder darum, dem 'Gegner' den größtmöglichen Schaden zuzufügen.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die beiden Verhandlungsführer, der britische Brexit-Minister David Davis und der französische Ex-EU-Kommissar Michel Barnier es besser wissen und sich bewusst sind, um was es geht. Es geht um die Zukunft Europas, um die der EU und ihrer Mitgliedsländer, um die Großbritanniens. Es geht nicht um Befindlichkeiten, es geht um das Wohl einer Menge Millionen Menschen.