Allensbach-Studie: "Deutschland rast in die Pflegefalle"

02. April 2013 - 11:27 Uhr

In Deutschland tickt eine Zeitbombe

Es ist eine erschreckende Prognose, die jeden betrifft: Laut einer Studie der R+V-Versicherung wird die Zahl der Menschen, die einen Pflegefall in der Familie haben, in den nächsten fünf bis zehn Jahren von momentan zehn auf 27 Millionen steigen.

Pflege, Alterarmut
Laut der Allensbach-Studie soll die Zahl der Menschen, die einen Pflegefall in der Familie haben, in den nächsten fünf bis zehn Jahren von momentan zehn auf 27 Millionen steigen.
© dpa, Patrick Seeger

"Unsere Gesellschaft rast im Eiltempo in die Pflegefalle", sagte R+V-Vorstandsmitglied Tillmann Lukosch. Nach der Allensbach-Erhebung sind vor allem Frauen betroffen - als Pflegende und als Pflegefälle. Die Herausforderung Pflege geht nicht spurlos an den Betroffenen vorüber. 67 Prozent der pflegenden Frauen fühlen sich stark oder sehr stark psychisch, 46 Prozent stark oder sehr stark körperlich belastet. Frauen, die einen Partner mit Demenz pflegen, hätten ein zwölffach höheres Risiko, selbst dement zu werden, sagte Lukosch.

Für viele dreht sich zunehmend alles um die Pflege. Eine typische Pflegende ist laut der Studie 61 Jahre alt, hat zwei erwachsene Kinder und ist nicht berufstätig. Neun Prozent pflegt länger als zehn Jahre. Mehr als drei Stunden pro Tag verbringen damit 53 Prozent der Frauen. 44 Prozent haben es mit einem sehr schweren oder schweren Pflegefall zu tun. Insgesamt sagten 76 Prozent der Bundesbürger, dass Pflege und Beruf nicht gut zu vereinbaren sind.

Das Gravierende ist, dass die gesetzliche Pflegeversicherung nicht die Kosten für die Pflegeleistungen abdeckt. So können Menschen im Alter zu Sozialhilfe-Fällen werden, oder ihre Angehörigen können zur Finanzierung der Pflege verpflichtet werden.

'Pflege-Bahr' schließt die Versorgungslücke nicht

Laut der Versicherung bewegt sich die Lücke zwischen den Zahlungen der gesetzlichen Pflegeversicherung und den durchschnittlichen Kosten zwischen 450 und 1.950 Euro. Während die Krankenversicherung für einen stationär betreuten Menschen der Pflegestufe II pro Monat 1.279 Euro zahlt, betragen die tatsächlichen Kosten rund 2.800 Euro an. In diesem Fall muss die zum Pflegefall gewordene Person 1.521 aus der eigenen Tasche zahlen. Kann sie das nicht, werden die Kinder automatisch unterhaltspflichtig. Erst wenn beide Seiten nicht zahlen können, übernimmt der Staat die gesamten Pflegekosten.

Diese Versorgungslücke schließe auch der kürzlich vorgestellte 'Pflege-Bahr' nicht vollständig. Die nach dem Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) benannte Förderung privater Pflege-Zusatzversicherungen deckt demnach nur einen Teil der Versorgungslücke ab. Lukosch wies darauf hin, dass bislang nur rund zwei Prozent der Bundesbürger eine private Pflegezusatzversicherung abgeschlossen hätten.

Laut Studie sind Frauen vom Pflegerisiko und der damit zusammenhängenden Altersarmut deutlich stärker als Männer betroffen. Die typische Pflegende sei 61 Jahre alt, verheiratet, habe zwei erwachsene Kinder, pflege länger als drei Jahre und sei nicht berufstätig. Nach einer Auszeit für die Kindererziehung komme eine weitere für die Pflege, während der sie nicht berufstätig sei und deshalb auch keine Rentenansprüche aufbauen könne. Andererseits gebe es unter den Pflegebedürftigen doppelt so viele Frauen wie Männer. Da Frauen im Schnitt fünf Jahre älter werden als Männer, ist bei ihnen das Risiko zum Pflegefall zu werden, demnach viel höher.