Albtraum oder Befreiung?

Homeoffice als Zukunftsmodell auch nach Corona-Zeit

Nach der Corona-Krise werden die Hürden für Homeoffice wahrscheinlich geringer sein als vorher
© imago/Westend61, Ivan Gener Garcia, imago stock&people

14. Mai 2020 - 12:19 Uhr

Jeder Dritte Deutsche arbeitet inzwischen von zu Hause

Homeoffice war in Deutschland lange nur unter Schwierigkeiten möglich. Mit Beginn der Corona-Krise ging dann plötzlich alles ganz schnell. Inzwischen arbeitet bereits jeder dritte Deutsche von zu Hause aus. Das amerikanische Unternehmen Twitter ist vom Homeoffice-Konzept sogar so überzeugt, dass es seinen Mitarbeiter dauerhaft und uneingeschränkt auch nach der Corona-Pandemie das Arbeiten von zu Hause erlauben möchte. Homeoffice könnte also in einigen Branchen zur Dauerlösung werden. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich.

+++ Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus finden Sie in unserem Live-Ticker auf RTL.de +++

Mehr Flexibilität durch die Möglichkeit von Homeoffice

Vor der Corona-Krise hätte sich manch einer wahrscheinlich gewünscht, die Möglichkeit zu haben, ab und an von zu Hause aus zu arbeiten. Zum Beispiel wenn es Schwierigkeiten bei der Kinderbetreuung gibt oder der Arbeitsweg täglich jede Menge Zeit auffrisst. Flexible Arbeitszeiten, Familie und Beruf unter einem Dach - das war vor der Corona-Krise die langersehnte, aber weit entfernte Vorstellung von Homeoffice. Bei vielen Unternehmen gab es schlichtweg noch nicht die technischen Möglichkeiten dafür.

Das hat sich durch die Corona-Pandemie bei vielen geändert und so werden in Zukunft wahrscheinlich die Hürden geringer sein, auch mal den ein oder anderen Tag von zu Hause aus zu arbeiten.  Das ist in manchen Situationen einfach praktisch und kann auf Dauer Stress reduzieren, erklärt Psychologin Petra Jagow im Gespräch mit RTL: "Wenn ich das mixen kann, so viel Präsenz wie nötig, so viel Homeoffice wie möglich, wird das vielen gut gefallen. Denn Pendlerei, Stau und öffentliche Verkehrsmittel stressen auch."

Zumindest in der ersten Aprilwoche, so eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts, war auch die Mehrheit der Deutschen im Homeoffice zufrieden: 85 Prozent der Männer und 79 Prozent der Frauen.

Im Homeoffice wird freiwillig mehr gearbeitet

Im Homeoffice neigen viele dazu, länger zu arbeiten als am Arbeitsplatz
Im Homeoffice neigen viele dazu, länger zu arbeiten als am Arbeitsplatz
© iStockphoto

Als Dauerlösung bürgt das Arbeiten von zu Hause aber auch so einige Tücken. Vielen fällt es im Homeoffice nicht so leicht, den Arbeitstag auf eine gewisse Stundenzahl zu begrenzen. Hinzu kommt, dass wir zu Hause freiwillig mehr arbeiten. Experten begründen das mit der fehlenden räumlichen Distanz. Das liegt unter anderem daran, dass der Arbeitsweg nicht mehr Arbeits- und Freizeit voneinander abtrennt. Häufig neigen wir dann zur Überlastung.

Im Gespräch mit RTL verrät die Psychologin Petra Jagow, wie man sich davor schützen kann: "Also wenn ich abends nicht mehr einschlafen kann, weil ich das Gefühl hab 'Oh, da waren aber noch viele Positionen auf der To-do-Liste' oder ich schrecke nachts hoch und denke 'Hast Du das erledigt?' - dann ist es wichtig, das in überschaubare Päckchen zu packen."

Der Arbeitsort ist wichtig für soziale Kontakte

Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist der Arbeitsplatz als Ort für soziale Kontakte und den Austausch mit anderen. Jede zweite Freundschaft findet im Job ihren Anfang. Außerdem spielt der Arbeitsplatz auch in unserem Liebesleben keine unwichtige Rolle. Bei manchen wird er nämlich auch zur Singlebörse, denn sie lernen ihren zukünftigen Partner oder ihre Partnerin am Arbeitsplatz kennen.

Psychologin Petra Jagow empfiehlt trotz Heimarbeit noch die Kontakte zu den Kollegen zu pflegen: "Ich empfehle, morgens ein Catch-Up zu machen. Das heißt, dass sich rundum alle mal mailen und dass man sich zwischendurch auch mal Fotos schickt oder einen Witz."

Ob das als Dauerlösung funktioniert, ist aber fraglich. Bei wem Homeoffice zum Dauerzustand wird, sollte also aufpassen, sich nicht sozial zu isolieren.

RTL.de-Doku „Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus: Was lernen wir aus der Krise?“

Im dritten Teil der RTL.de-Serie "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus": Welche Lehren können wir aus der bisher größten Krise der Nachkriegszeit ziehen? Wir haben mit Experten gesprochen. War der Staat zu inkonsequent? Wurden die Schulen zu schnell geschlossen? Was tun gegen den Hamsterchaos? Und was ist der tatsächliche Grund, dass tausende Urlauber auf der ganzen Welt gestrandet sind?