Agnieszkas Kind kann nicht leben - aber der Arzt verweigert die Abtreibung

Motivbild: eine Schwangere Frau darf nicht abtreiben, obwohl ihr Kind nicht lebensfähig ist.
Motivbild: eine Schwangere Frau darf nicht abtreiben, obwohl ihr Kind nicht lebensfähig ist.
© luna - Fotolia, Bernd Friedel

21. August 2014 - 10:04 Uhr

Das Kind hat keine Schädeldecke und kaum Gehirn

Eine Ethik-Debatte spaltet derzeit unser Nachbarland Polen. Die 38-jährige Agnieszka ist bald im siebten Monat schwanger. Doch auf den Geburtstermin freut sie sich nicht. Sie will abtreiben. Denn das Kind hat keine Schädeldecke, das Gehirn ist kaum ausgebildet, es hat keine Chance auf ein normales Leben und wird wahrscheinlich schon sehr bald nach der Geburt sterben. Deshalb will Agnieszka abtreiben. Doch das darf sie nicht.

Der Direktor der Warschauer Klinik der Heiligen Familie verweigert den Eingriff. Er beruft sich auf die sogenannte Gewissensklausel. Bogdan Chazan hält Abtreibungen für Mord. Und er verweigert auch eine Überweisung an eine andere Klinik. Das Abtreibungsrecht im katholisch geprägten Polen gehört zu den restriktivsten in Europa.

Seit 13 Jahren hoffen Agnieszka und ihr Mann auf Nachwuchs. Doch das Kind im Bauch der werdenden Mutter wird entweder bei der Geburt sterben oder den Rest seines voraussichtlich kurzen Lebens in einem vegetativen Zustand sein. Agnieszka erfuhr in der 22. Schwangerschaftswoche, dass der Traum vom Familienglück nach vier Fehlgeburten einmal mehr zum Scheitern verurteilt war.

Klinikdirektor hält Abtreibungen für Mord

Die verweigerte Abtreibung ist nun ein zentrales Gesprächsthema bei den Polen. Das Nachrichtenmagazin 'Wprost' titelte "Klausel der Grausamkeit". Klinikdirektor Chazan steht im Zentrum der Kritik. Doch der Arzt, der seine Entscheidung vehement verteidigt, findet auch Fürsprecher. Gesundheitsminister Bartusz Arlukowicz ordnete eine Untersuchung des Falls durch die Ärztekammer an. Chazan hatte weitere Untersuchungen angeordnet, die sich bis in die 25. Schwangerschaftswoche hinzogen, bis er schließlich den Schwangerschaftsabbruch verweigerte.

Danach war es für eine legale Abtreibung in Polen zu spät. Chazan sieht sich als Opfer "liberaler Verfolgungen, ja Terrors". "Ein Arzt ist dazu da, Leben zu retten, nicht Leben zu vernichten", sagt er.

"Wenn jemand meint, dass die Überweisung an einen anderen Arzt gegen sein Gewissen verstoße, dann darf er nicht als Arzt und besonders nicht als Gynäkologe arbeiten", meint dagegen der Ethikprofessor und katholische Theologe Andrzej Szostek zu dem Fall.

Während die Debatte über Ethos, Pflicht und Gewissen von Ärzten weitergeht, kann die schwangere Agnieszka nur auf den Geburtstermin warten. "Am schwierigsten ist es, wenn ich die Bewegungen des Kindes spüre", sagte sie im 'Wprost'-Interview. "Und dann ist da gleich der Gedanke, dass er ja stirbt. Ich plane das Begräbnis. Und dabei ist das doch das Kind, auf das wir so lange gewartet haben."

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