Kriegsverbrechen in Afghanistan

"Blooding"-Aufnahmeritus: Australische Soldaten mussten unschuldige Zivilisten erschießen

Untersuchungsbericht zu australischem Afghanistan-Einsatz
© dpa, Mick Tsikas, MT DC RR pat

20. November 2020 - 10:50 Uhr

Untersuchungsbericht wurde vorgelegt

Es ist ungeheuerlich und abstoßend, was sich in Afghanistan in australischen Spezialeinheiten abgespielt haben soll: Junge Soldaten sollen von ihren Kommandanten im Rahmen eines Aufnahme-Ritus aufgefordert worden sein, unschuldige Zivilisten zu erschießen. Das wurde "blooding" genannt. Nach vierjährigen Ermittlungen wurde nun ein Untersuchungsbericht vorgelegt.

39 Gefangene, Bauern und andere afghanische Einheimische wurden getötet

Australische Spezialeinheiten sollen demnach in Afghanistan Kriegsverbrechen begangen und dabei 39 Zivilisten und unbewaffnete Gefangene getötet haben. Hochrangige Befehlshaber haben junge Soldaten gezwungen, die wehrlosen Menschen zu töten, erklärte der australische General Angus John Campbell. Die Ergebnisse der Untersuchungen gingen von den schwerwiegendsten Verstößen gegen militärische Verhaltensregeln aus. "Das rechtswidrige Töten von Zivilisten und Gefangenen ist niemals zu akzeptieren", sagte er.

Unter den Opfern waren dem Bericht zufolge Gefangene, Bauern und andere afghanische Einheimische. Sie seien vor ihrer Tötung gefangengenommen worden und hätten sich damit nach internationalem Recht unter besonderem Schutz gestanden. "Es gibt glaubwürdige Informationen darüber, dass neue Soldaten von ihren Kommandanten aufgefordert wurden, einen Gefangenen zu erschießen, um die erste Tötung als Soldat zu erreichen. Dies wurde "blooding" genannt", heißt es in dem Bericht, der Vorfälle im Zeitraum von 2005 bis 2016 untersucht hat.

Mit der Nachstellung von Kampfszenen mit ausländischen Waffen oder Ausrüstung habe die Tötung gerechtfertigt werden sollen. Ein Deckmantel des Schweigens habe dafür gesorgt, dass die Taten so viele Jahre unentdeckt geblieben seien. 19 aktuelle und ehemalige Soldaten sollen nun wegen der Tötung der Einheimischen an einen Sonderermittler überstellt werden.

In dem Bericht wird empfohlen, dass die australische Regierung die Familien der Opfer auch ohne erfolgreiche Strafverfolgung entschädigen soll. Australien hat seit 2002 Truppen in Afghanistan als Teil der von den USA geführten Koalition im Kampf gegen Al-Kaida- und Taliban-Islamisten im Einsatz. Derzeit sind es noch rund 1.500 Soldaten.

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