Affäre Wulff: Merkels “große Wertschätzung“

10. Februar 2016 - 12:21 Uhr

Rückenwind für den Präsidenten - zumindest offiziell

Die Affäre um Bundespräsident Christian Wulff nimmt und nimmt kein Ende. Und Angela Merkel? Schweigt und schweigt - bis jetzt. Die Kanzlerin hat sich zu Wort gemeldet und hält zu ihrem angeschlagenen Bundespräsidenten - zumindest öffentlich.

Merkel, Wulff
Angela Merkel: "Große Wertschätzung", wenig Spielraum.
© dpa bildfunk

Das Fernsehinterview des Staatsoberhaupts sei ein wichtiger Schritt gewesen, das Vertrauen der Bürger wiederherzustellen, so Regierungssprecher Steffen Seibert. "Die Bundeskanzlerin hat große Wertschätzung für Christian Wulff als Menschen und für Christian Wulff als Bundespräsidenten. Und sie hat große Achtung vor dem Amt, das er inne hat." Die Entscheidung, ob ein Anruf Wulffs auf der Mobilbox von 'Bild'- Chefredakteur Kai Diekmann veröffentlicht werden solle, liege laut Seibert "ausschließlich zwischen der 'Bild'-Zeitung und dem Bundespräsidenten." Die Mitteilung Wulffs, dies nicht zu tun, sei zu respektieren. Merkel wolle dies nicht kommentieren. Die Kanzlerin kenne keine Abschrift der Anrufs. Wulff dagegen ab sofort schon - das Blatt übermittelte ihm eine Abschrift des Wortlauts des Anrufs, damit sich Wulff "bei Aussagen darüber nicht nur auf seine Erinnerung stützen muss", teilte der Springer-Verlag mit.

Damit zeigt die Zeitung Transparenz, eine Eigenschaft, die Merkel auch ihrem Bundespräsidenten bescheinigt: Wulff zeige Offenheit "in einer Weise, die es so noch nicht häufig gegeben hat in der Geschichte der Bundesrepublik", so Seibert. In der Mischung aus Transparenz und seiner täglichen Arbeit könne er Vertrauen wieder zurückgewinnen. "Es wird so sein - und da hat die Bundeskanzlerin volles Vertrauen -, dass der Bundespräsident auch alle weiteren relevanten Fragen mit der gleichen Offenheit beantworten wird, sollten noch welche auftauchen" - und sie tauchen auf, schneller als der Kanzlerin und ihrem Präsidenten lieb sein dürfte. Die für Wulffs Hauskredit zuständige BW-Bank hat dessen TV-Aussage widersprochen und behauptet, der Vertrag für das Darlehen sei nicht wie von ihm im Interview behauptet im November, sondern erst Ende Dezember zustande gekommen.

Da war die Kanzlerin in der Weihnachtspause - und die hatte sie auch bitter nötig: Der Euro schwächelt, der Koalitionspartner sowieso und jetzt auch noch das Theater um den Bundespräsidenten. Da muss ihr erster öffentlicher Termin im neuen Jahr eine wahre Wohltat gewesen sein. Am Tag nach Christian Wulffs TV-Interview zur besten Sendezeit sind die Sternsinger zu Besuch im Bundeskanzleramt.

Kurz spricht Merkel über die Bedeutung der Kinderrechte, stellt sich entspannt zu den 108 Mädchen und Jungen mit ihren bunten Kostümen, dann geht es los: "Gloria in excelsis deo" singen sie, anschließend wird der Segen an das Kanzleramt geschrieben. Die angereisten Journalisten – es sind mehr als sonst bei dieser Veranstaltung üblich – lauschen und schauen, doch interessieren dürfte sie an diesem Tag vor allem eins: Wie sieht es denn mit dem Haussegen bei Merkel und ihrem Bundespräsidenten aus? Hängt der schief? Doch die Bundeskanzlerin lässt sich nicht einmal andeutungsweise etwas anmerken. Freundlich-routiniert absolviert sie ihren Termin, kein Wort zur Causa Wulff. Noch nicht.

Boulevardzeitung oder Staatsoberhaupt?

In Regierungskreisen wurde die Zurückhaltung der Kanzlerin damit begründet, Merkel habe die Arbeit des Bundespräsidenten schon aus Respekt vor dem Amt nicht jeden Tag neu zu bewerten. Aus der CSU war am Rande der Klausur in Wildbad Kreuth die Einschätzung zu hören, Wulff gehe aus seinem TV-Auftritt zwar nicht gerade gestärkt hervor. Nachdem er aber auf menschlicher Ebene reagiert habe, werde er die Affäre wohl politisch überstehen. Viele Bürger hätten jetzt genug von den Details, glauben einige Christsoziale.

Das sieht die Opposition anders: "Ich würde mir wünschen, dass Angela Merkel sich nicht weiter wegduckt. Das erinnert fatal an den Fall Guttenberg", sagte der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Hubertus Heil. "Wenn Frau Merkel ein Interesse hat, dieses scheinheilige Schauspiel zu beenden, dann sollte sie Christian Wulff davon überzeugen, der Veröffentlichung [der Mailboxaufzeichnung] zuzustimmen", sagte SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann. Merkel sagte: Noch nichts.

Doch wer sie kennt, der dürfte ahnen, was die Kanzlerin denkt. Nach Feierabend sei sie hinter der Fassade ihres Wochenendhauses in Hohenwalde als mecklenburgische Hausfrau zu beobachten, schreibt der 'Stern'. "Im Schlabberlook – eingewohnter Pulli und Jeans – fuhrwerkt sie in der Küche herum, schiebt eine Gans oder einen Johannisbeerkuchen in den Backofen oder kocht, besonders gern Rouladen." Wenn am Wochenende das Handy klingelt, bekämen Anrufer schon einmal "Ich stecke gerade im Gemüsegarten und jäte ein bisschen Unkraut" zu hören. Merkel ist eine bodenständige Frau. Zum Entspannen geht sie gern wandern in den Bergen.

Mit Wulffs Gratisurlauben bei Millionärsfreunden, den dubiosen Hauskrediten und seinem Wut-Anruf dürfte sie wenig anfangen können. Nach seiner ersten Äußerung zur Sache im Schloss Bellevue hatte sie von ihm umfassende Antworten erwartet. In Zeiten, in denen sich die Deutschen fragen müssen, ob sie einem Boulevardblatt glauben oder dem Staatsoberhaupt, könnte sie auch öffentlich Druck machen. Doch nachdem bereits Horst Köhler beleidigt das Handtuch warf, würde mit Wulff der zweite Bundespräsident innerhalb von zwei Jahren seinen Stuhl räumen. Und an Neuwahlen dürfte Merkel kein Interesse haben.

Sie hatte den ehemaligen niedersächsichen Ministerpräsidenten gegen den starken Kandidaten der Opposition, Joachim Gauck, ins Rennen gebracht. Er war und ist ihr Kandidat. Seine Niederlage wäre auch eine Niederlage für sie. Vor Wulffs Interview hatte sie erklären lassen, dass sie seine Arbeit nach wie vor schätze und auf seine umfassenden Antworten vertraue. Eine Transparenz, die "neue Maßstäbe setzt", hatte der erste Mann im Staat während des Gesprächs versprochen und angekündigt, seine Anwälte würden eine "zusammenfassende Stellungnahme" zu den mehreren hundert Medienanfragen der Kreditaffäre vorlegen. Doch über das, was Wulff bereits im Fernsehen gesagt hat, geht diese kaum hinaus. Auch kein Wort zum Telefonat mit 'Bild'-Chefredakteur Kai Diekmann.

Dazu sagte der Journalist Hans Leyendecker, der den Inhalt der Mailbox-Nachrticht kennt, dem 'ARD Morgenmagazin', dass von von einer Verschiebung gesprochen worden sei. Zugleich sei Wulffs Anruf aber auch ein "Flehen und Drohen" gewesen. Auch die Worte "Krieg führen" und "Strafantrag" seien gefallen. Wulff habe weder gelogen noch die Wahrheit gesagt, so Leyendecker.

Und was macht der Bundespräsident derweil? Empfängt die Sternsinger im Schloss Bellevue. "Wir alle sollen ja auch ein Segen sein und kein Fluch. Das begleitet uns ja auch als Auftrag in unserem Wirken", sagt er in seiner Ansprache. Davon könnte Merkel sicherlich auch ein Liedchen singen.