Ärztin berichtet aus Praxisalltag in Großbritannien

„Ich fühle mich schuldig, wenn ich diese Maske trage“

19. Mai 2020 - 18:00 Uhr

von Caroline Schiemann

Bevor Nisa Aslam sich ihre schwarze Maske über das Gesicht zieht und ihre Schutzbrille hinter den Ohren einhakt, warnt sie ihre Patienten: "Ich bitte sie, sich nicht gekränkt zu fühlen. Es ist nicht normal, dass ich so etwas als Hausärztin trage und ich fühle mich darin nicht wohl, aber ich bin mir sicher, es ist wichtig."

Nisa arbeitet im "East One Health", einer Praxis des britischen Gesundheitsdiensts NHS im Londoner Osten. Ihre Arbeit hat sich in den letzten Wochen drastisch verändert. Im Februar behandelten sie und ihre Kollegen noch Patienten mit Atemwegserkrankungen, bei denen der Verdacht auf Covid-19 bestand. Schutzkleidung? Fehlanzeige.

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Jeder Patientenkontakt kann auch ein Coronakontakt sein

Seit Ende März berät die Ärztin ihre Patienten allerdings fast ausschließlich per Telefon oder per Videoschalte. Nur noch die, deren Beschwerden sich kaum ohne physischen Kontakt zu ihr diagnostizieren lassen, kommen zu Besuch in die Praxis. Und hier ist Vorsicht geboten, denn jeder Patientenkontakt kann gleichzeitig auch ein Coronakontakt sein. Schutzkleidung gibt es in der Praxis mittlerweile etwas mehr als zu Beginn des Coronaausbruchs.

Die Regierung und lokale Geschäfte stellten Masken, Handschuhe und Schürzen zur Verfügung. Schulen spendeten sogar Schutzvisiere für die Augen. Andy Thomson gehört zu denen, die solche Visiere freiwillig produzieren. Die Schule, an der der Lehrer normalerweise seine Schüler unterrichtet, ist nun mit einem 3D-Drucker ausgestattet. Er und seine Kollegen können so täglich bis zu 250 Visiere produzieren.

Mangel an Masken in der Praxis: Patienten sollten sich ihren Schal umwickeln

Schutzkleidung von Nisa Aslam
Nisa Aslam hat sich ihre eigene Maske und Brille gekauft, rechts daneben die Schutzkleidung, die die Regierung zur Verfügung gestellt hat.
© Nisa Aslam

Trotz aller Bemühungen fehlt es jedoch an ausreichend Schutzkleidung. In Nisas Praxis mangelte es erst letzte Woche an Einwegmasken. Patienten wurden gebeten, wieder nach Hause zu gehen, sich einen Schal ums Gesicht zu wickeln und zurückzukommen. Dass die chirurgischen Masken, die die Regierung dem NHS zur Verfügung gestellt hat, ausreichend vor Covid-19 schützen, bezweifelt die Medizinerin.

In einem DIY-Store hat sie sich deshalb ihre eigene Maske und Brille gekauft. Doch sobald sie sie trägt, empfindet sie Schuld: "Die meisten meiner Kollegen haben so eine Maske nicht. Wenn ich sie trage, fühle ich mich zwar sicherer, aber gleichzeitig auch schuldig."

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