Ärzte-Warnung wegen Masern: Babys in Berlin zu Hause lassen

27. Februar 2015 - 19:44 Uhr

"Unverständlich, warum die Leute nicht wach werden"

Wegen der tragischen Todesfälle greifen Deutschlands Kinderärzte bei der Masern-Welle in Berlin zu ungewohnten Mitteln: "Wir raten Eltern davon ab, mit Säuglingen in Berlin in die Öffentlichkeit zu gehen", sagt Sean Monks, Sprecher vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Die Ansteckungsgefahr sei im Moment einfach zu hoch.

Gesundheitsverwaltung hat Berliner aufgerufen, fehlende Impfungen nachzuholen.
Die Gesundheitsverwaltung hat alle Berliner aufgerufen, ihren Impfschutz zu überprüfen und fehlende Immunisierungen nachzuholen.
© dpa, Lukas Schulze

Wenn es auch sehr selten vorkomme, drohe vor allem Babys bei einer Masern-Infektion eine tödliche Spätfolge. Panikmache? Man solle das Risiko nicht überbewerten, beschwichtigt Jan Leidel, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission. Aber: "Wenn man auf Nummer sicher gehen will, bleibt man in Berlin mit einem Säugling zurzeit besser zu Hause."

In der Hauptstadt rollt die größte Masern-Welle seit dem Start des Infektionsschutzgesetzes im Jahr 2001 weiter. Im Oktober waren die Masern in einem Flüchtlingsheim ausgebrochen, und bis heute haben sich laut aktuellem Stand 652 Menschen angesteckt. Rund 90 Prozent von ihnen waren nicht geimpft - und ein gutes Viertel kam wegen der Schwere der Infektion ins Krankenhaus. Ein nicht geimpftes Kleinkind ist bereits an Masern gestorben. Zurzeit gibt es in der Hauptstadt mehr als 80 registrierte neue Fälle pro Woche.

Was den Kinderärzten so große Sorge bereitet, sind die 54 Babys unter einem Jahr, die sich in Berlin mit Masern infiziert haben. Denn es gibt eine tödliche Spätfolge der Krankheit, die chronische Masern-Gehirnhautentzündung (Subakute Sklerosierende Panenzephalitis, kurz SSPE). Dabei überwinden die Masern-Viren die Blut-Hirn-Schranke im Körper, vor allem bei sehr kleinen Kindern. Sie vermehren sich dann im Gehirn und zerstören Nervenzellen. Bei einem Kind verläuft die Entwicklung dann rückwärts: Es verlernt zum Beispiel wieder, zu sprechen, die Motorik bildet sich zurück. "SSPE tritt oft erst Jahre nach einer überstandenen Masern-Erkrankung auf und verläuft leider immer tödlich", sagt Jakob Maske, Sprecher des Berliner Berufsverbandes der Kinderärzte. "Es gibt keine Therapie." Dafür einen Test, der Gewissheit bringen kann: Finden sich bei der Entnahme von Rückenmarksflüssigkeit Masern-Viren, sei das Schicksal des Kindes besiegelt, so Sean Monks.

Zwar kommen pro Jahr in Deutschland nur zwei bis sechs SSPE-Fälle vor, doch in Hessen ist die fünfjährige Aliana wegen der Masern-Spätfolge todkrank. Ihr Vater appellierte eindringlich, sich gegen Masern impfen zu lassen. "Es ist unverständlich, warum die Leute nicht wach werden", sagte er. Denn SSPE bei Kindern wäre vermeidbar gewesen - ohne Masern. Darin liegt die Tragik.

Viele glauben: Impfpflicht für Masern ist der falsche Weg

"Die Häufigkeit von SSPE ist lange unterschätzt worden", sagte Leidel für die Ständige Impfkommission. Früher sei man von einem Fall auf zwei Millionen ausgegangen. Studien aus den USA hätten aber gezeigt, dass der Risikofaktor bei 1 zu 1.000 bis 3.000 liege. "Das ist nicht harmlos, aber auch kein Grund zur Panik", so Leidel. Die Pocken hätten früher Todesfallraten von 30 bis 40 Prozent gehabt. Diese Krankheit wurde in Deutschland durch eine Impfpflicht ausgerottet. Die Ausrottung der Masern war zuletzt für 2015 geplant. Wenn die Impfquoten bei Kindern auch immer besser geworden sind, so gibt es doch weiter Lücken. Bei Erwachsenen sind die Quoten in einigen Altersgruppen sogar schlechter. Und für Säuglinge ist das Masern-Risiko deutlich höher, wenn ihre Mütter nicht geimpft sind. Dann gibt es keinen Nestschutz für die ersten Monate, bei dem die Immunisierung der Mutter auch für das Kind wirkt. Während der Schwangerschaft könne die Immunisierung auch nicht mehr nachgeholt werden, weil es sich um einen Lebendimpfstoff handele, erklärte Leidel.

Doch auch mit geimpfter Mutter hat ein Säugling circa vom fünften bis neunten Monat, dem frühesten Zeitpunkt, für den die Masernimpfung zugelassen ist, kaum Schutz. Daher kommt auch der Rat der Kinderärzte, Babys in Berlin zurzeit möglichst zu isolieren. Der einzige Schutz, den es gibt, wäre eine passive Impfung mit Immunglobulinen - Antigenen aus Spenderblut. "Das hält aber maximal ein paar Wochen", sagte Leidel. Sei ein Säugling bereits erkrankt, helfe gar nichts mehr gegen Masern.

Trotz dieser Lage hält Leidel - wie viele Bundespolitiker - eine Impfpflicht für Masern für den falschen Weg. "Erwägenswert wäre aber der Nachweis einer Impfung, bevor ein Kind in die Kita oder Schule kommt", sagt er. Diesen indirekten Druck fordern auch Deutschlands Kinderärzte, um unnötige Ansteckungen zu vermeiden. In Berlin wurden im Februar wegen Masern bereits zwei Schulen kurzzeitig geschlossen.

Das Ansteckungsrisiko gilt in der Hauptstadt zurzeit aber auch für Kinderarztpraxen. Mediziner sind zwar gehalten, kleine Masern-Patienten in gesonderten Zimmern zu behandeln. Doch nicht immer ist die Infektion mit den markanten roten Hautpusteln schon zu sehen. In Berlin haben Eltern von Säuglingen bereits gesonderte Termine außerhalb der regulären Sprechstunden mit ihren vollen Wartezimmern verlangt. Monks findet diese Lösung sinnvoll. Und noch eines könnte langfristig helfen, sagt er. Wenn Kleinkinder die reguläre Masern-Impfung bekommen, sollten nicht geschützte Eltern gleich mit immunisiert werden. Doch das könnten Kinderärzte nicht, weil sie Patienten über 18 Jahre nicht behandeln dürften. Monks: "Diese Regelung halten wir bei Masern für falsch. Kinderimpfungen sind der einfachste Weg, um auch Eltern zu überzeugen."