Ärzte ohne Grenzen: Hunderte Syrer durch Giftgas getötet

US-Verteidigungsminister Chuck Hagel (links) und Generalstabschef Martin Dempsey sollen Pläne für eine militärische Intervention in Syrien ausarbeiten.
US-Verteidigungsminister Chuck Hagel (links) und Generalstabschef Martin Dempsey sollen Pläne für eine militärische Intervention in Syrien ausarbeiten.
© dpa, Jim Lo Scalzo

11. Februar 2016 - 9:24 Uhr

355 Menschen mit "neurotoxischen Symptomen" gestorben

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff in Syrien vom Mittwoch eine große Anzahl Toter in von ihr unterstützten Krankenhäusern gemeldet. Demnach starben etwa 355 Menschen mit "neurotoxischen Symptomen". In die von der Hilfsorganisation unterstützen drei Krankenhäuser im Großraum Damaskus seien insgesamt rund 3.600 Menschen mit denselben Symptomen gebracht worden, teilte Ärzte ohne Grenzen in Paris mit.

Aktivisten schätzen die Zahl der Toten bei dem mutmaßlichen Chemiewaffeneinsatz in dem Vorort Ghuta östlich von Damaskus jüngsten Angaben zufolge auf 322. Darunter befänden sich 54 Kinder, 82 Frauen und Dutzende Rebellen, teilte das in London ansässige Syrische Beobachtungszentrum für Menschenrechte mit.

Unterdessen beschuldigten syrische Staatsmedien die Rebellen, bei jüngsten Kämpfen in dem Hauptstadt-Bezirk Jobar Giftgas gegen die Regierungstruppen von Präsident Baschar al-Assad eingesetzt zu haben. Die erfolgreiche Offensive der Armee habe die Aufständischen dazu gebracht, solche Waffen als "letzten Trumpf" einzusetzen, hieß es.

Die Staatsmedien zeigten Bilder von Plastiktonnen, Gasmasken, Sprengstoff und anderen Gegenständen, die angeblich bei Rebellen beschlagnahmt worden seien. Allerdings veröffentlichten sie keine Bilder von Soldaten, die mit dem Giftgas in Berührung gekommen waren. Diese Berichte könnten die Debatte darüber trüben, welche Seite die Schuld für Chemiewaffeneinsätze trage, meinten Beobachter dazu.

Die UN-Abrüstungsbeauftragte Angela Kane traf unterdessen in Damaskus ein. Sie soll die Führung um Präsident Assad dazu bewegen, einem UN-Inspektorenteam ungehinderten Zugang zu Ghuta nach dem mutmaßlich Chemiewaffeneinsatz zu gewähren.

Das UN-Team hatte nach langwierigen Verhandlungen der Vereinten Nationen mit der syrischen Regierung lediglich die Erlaubnis erhalten, drei Orte zu untersuchen, in denen vor Monaten Giftgas eingesetzt worden sein soll: Chan al-Asal in der Provinz Aleppo, Al-Ateibe in der Provinz Damaskus-Land und die Stadt Homs. Die Assad-Regierung und die Rebellen werfen sich seit einigen Monaten immer wieder gegenseitig den Einsatz chemischer Kampfstoffe vor.

Der Allgemeine Rat für die Revolution berichtete von neuen Kämpfen und Luftangriffen in mehreren Gebieten im Umland von Damaskus. Die Exil-Opposition hatte zuvor erklärt, sie wolle dafür sorgen, dass die UN-Inspekteure bei einem Besuch der betroffenen Ortschaften im Osten und Süden der Hauptstadt nichts von den Rebellen zu befürchten hätten.

Merkel weiter gegen militärische Lösung

Unterdessen gerät das Regime in Damaskus international immer mehr unter Druck. Der französische Außenminister Laurent Fabius sagte während eines Aufenthaltes in der palästinensischen Stadt Ramallah: "Alle Informationen, die uns momentan zur Verfügung stehen, deuten darauf hin, dass in Syrien unweit von Damaskus ein Massaker mit chemischen Waffen stattgefunden hat und dass das Regime von Baschar al-Assad dahinter steckt."

In Washington lässt sich US-Präsident Barack Obama laut Medienberichten über verschiedene Szenarien einer militärischen Intervention in Syrien informieren. Ein Beamter des Verteidigungsministeriums erklärte dem Sender CNN, die Liste von Zielen für mögliche Luftangriffe sei aktualisiert worden. Die Planungen würden die Verwendung von Marschflugkörpern einschließen.

Auch der US-Sender CBS berichtete von Pentagon-Planungen für einen Cruise-Missile-Angriff auf die Regierungstruppen. Es werde erwartet, dass US-Generalstabschef Martin Dempsey Optionen für einen Angriff vorlegen werde, hieß es bei CBS weiter. Eine Entscheidung von Obama steht aber noch aus. Obama hatte am Freitag zu den Giftgasvorwürfen erklärt: "Das berührt langsam Kerninteressen der USA." Zugleich äußerte er "große Sorge".

Zugleich bauen die Vereinigten Staaten ihre Militärpräsenz im östlichen Mittelmeer weiter aus. Laut CNN sei ein weiterer Zerstörer zu den drei dort kreuzenden Schiffen gestoßen. Die Schiffe seien mit Marschflugkörpern ausgerüstet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach sich gegen ein militärisches Eingreifen im Syrien-Konflikt aus. "Wir verfolgen nicht den Weg einer militärischen Lösung", betonte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. "Wir glauben nicht, dass das von außen militärisch zu lösen ist, sondern wir glauben, dass eine politische Lösung in Syrien organisiert werden muss", erklärte Seibert.