RTL News>News>

Ägyptische Sicherheitskräfte erschießen Mursi-Anhänger bei Protest in Kairo

Ägyptische Sicherheitskräfte erschießen Mursi-Anhänger bei Protest in Kairo

"Sie schießen nicht, um zu verwunden, sondern um zu töten"

Bei Zusammenstößen von Islamisten und Sicherheitskräften sind am frühen Morgen in Kairo viele Menschen getötet worden. Nach Angaben der Muslimbruderschaft des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi starben mindestens 120 Menschen, nachdem Einheiten der Bereitschaftspolizei eine Menge von Demonstranten am Rande ihres Protestcamps in der Vorstadt Nasr City angegriffen hatten. 66 Menschen seien ums Leben gekommen, 61 weitere seien hirntot und würden nur noch mit Maschinen am Leben gehalten. Rund 4.000 Menschen wurden nach diesen Angaben verletzt. Die Regierung wies die Angriffe zurück

Ägypten Kairo Proteste Tote Verletzte
Freiwillige medizinische Helfer kümmern sich um einen Mann, der bei den Zusammenstößen in Kairo einen Verwandten verloren hat.
REUTERS, ASMAA WAGUIH

Das ägyptische Gesundheitsministerium sprach zunächst von 38 Toten und korrigierte seinen Angaben später auf 65 Personen deutlich nach oben. Beim bisher schlimmsten Blutbad seit dem Umsturz vor mehr als drei Wochen waren am 8. Juli mehr als 50 Islamisten gestorben, als die Sicherheitskräfte vor einer Kaserne in eine Menge von Demonstranten geschossen hatten.

Der blutige Konflikt ereignete sich in der Nasr-Straße, die zum Protestlager der Muslimbruderschaft vor der Raba-al-Adawija-Moschee führt. Tausende Anhänger der islamistischen Organisation lagern dort seit mehr als drei Wochen. Sie protestieren gegen Mursis Absetzung durch das Militär am 3. Juli. Der Islamist war vor etwas mehr als einem Jahr nach freien Wahlen ins höchste Staatsamt gelangt.

Im Feldspital der Muslimbruderschaft spielten sich nach Angaben ägyptischer Reporter dramatische Szenen ab. Immer wieder wurden Tote und Schwerverletzte gebracht. Die Ärzte kamen mit der Versorgung der Verwundeten kaum nach. Der Sprecher der Bruderschaft, Gehad al-Haddad, erklärte verbittert: "Sie (die Polizisten) schießen nicht, um zu verwunden, sondern um zu töten."

Am Samstagabend sollte ein 48-Stunden-Ultimatum des Militärs ablaufen: Die Islamisten sollten sich bis dahin am sogenannten Versöhnungsprozess beteiligen - sonst drohte eine härtere Gangart. Welche Maßnahmen ergriffen werden sollten, wurde nicht näher erläutert. Auch das genaue Ende der Frist war unklar.

Muslimgemeinschaft: Deutschland macht sich mitschuldig

Die Islamische Gemeinschaft in Deutschland (IGD) hat das "Massaker in Kairo an friedlichen Demonstranten" verurteilt und die deutsche Regierung scharf angegriffen. "Mit einer Anerkennung der vom Militär eingesetzten Regierung macht sich die Bundesregierung an den Massakern in Ägypten mitschuldig", erklärte IGD-Präsident Samir Falah. Die 1958 gegründete IGD gehört zum Zentralrat der Muslime und soll den Muslimbrüdern nahestehen.

Der "blutige Weg" von Generalstabschef Abdel Fattah al-Sisi werde "die gesamte Region in einen Bürgerkrieg ziehen", warnte Falah. «Die Auswirkungen davon werden auch uns in Deutschland erreichen.» Die IGD fordere die Bundesregierung auf, "jeden erdenklichen Druck auf das ägyptische Militär auszuüben, Menschenrechte zu achten, die Verantwortlichen für die Massaker zur Rechenschaft zu ziehen und Legitimität wieder herzustellen".

Nach den Freitagsgebeten hatten in ganz Ägypten Hunderttausende Menschen für und gegen die Entmachtung Mursis demonstriert. Während die Islamisten nahezu täglich gegen den "Militärputsch", wie sie die Absetzung Mursis nennen, demonstrieren, hatte das Militär erstmals seit dem Umsturz die eigenen Unterstützer in Massen auf die Straße gerufen. Armeechef A al-Sisi wollte sich damit eine Art Freibrief geben lassen, um noch schärfer gegen die demonstrierenden Muslimbrüder vorzugehen.

Die Demonstrationen verliefen weitgehend friedlich. Aber in der Mittelmeerstadt Alexandria wurden neun Menschen getötet, nachdem bewaffnete Zivilisten einen Demonstrationszug der Islamisten angegriffen hatten. Verletzte gab es auch bei Zusammenstößen in einem Kairoer Armenviertel und im Nildelta.

Mursi wird seit dem Umsturz vom Militär an einem unbekannten Ort festgehalten. Seit Freitag ist er formell in Untersuchungshaft und wird des Landesverrats beschuldigt. Darüber hinaus wurden mehrere Mitglieder der Führung der Muslimbruderschaft und rund 600 weitere Funktionäre verhaftet.