Ägypten: Tote und Verletzte nach Krawall-Nacht

9. Juli 2013 - 12:43 Uhr

Chef der Muslimbrüder festgenommen

In Ägypten haben sich Anhänger und Gegner des vom Militär gestürzten Präsidenten Mohhamed Mursi erneut schwere Straßenschlachten geliefert. Dabei kamen nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Kairo landesweit mindestens 30 Menschen ums Leben, davon 16 durch Schüsse. Mehr als 1.100 weitere seien verletzt worden.

Blutige Proteste in Ägypten.
Das ägyptische Militär versuchte, mit allen Mitteln zu verhindern, dass Mursi-Gegner und -Anhänger direkt aufeinanderprallten.
© dpa, Hassim Dabi

Die meisten Opfer gab es in der Hafenstadt Alexandria, wo nach Berichten der Nachrichtenagentur Mena allein 12 Menschen starben und weitere 200 verletzt wurden. Unterdessen nahmen Sicherheitskräfte in Kairo den stellvertretenden Führer und Hauptfinanzier der Muslimbruderschaft, Chairat al-Schater, fest. Ihm wird Anstachelung zur Gewalt vorgeworfen.

Blutige Zusammenstöße zwischen Anhängern und Gegnern Mursis, der seine Wurzeln in der Muslimbruderschaft hat, wurden neben Alexandria auch aus Kairo, Suez sowie aus den Nil-Delta-Provinzen Damietta und Beheira gemeldet.

In Alexandria konzentrierten sich die Krawalle auf den Stadtteil Sidi Gaber. Massiv ausgerüstete Einheiten von Armee und Polizei hätten versucht, Gegner und Anhänger des Islamisten Mursi zu trennen, berichtete die Onlineausgabe der staatlichen Zeitung 'Al Ahram'.

Straßenschlachten im Zentrum Kairos

Drei Tote gab es Medienberichten zufolge in der Hauptstadt Kairo. Zwei Mursi-Unterstützer wurden vor einem Offiziersheim der Republikanischen Garde im Stadtteil Heliopolis in der Nähe des Präsidentenpalastes getötet, wie 'Al Ahram' meldete. Ein weiteres Todesopfer gab es nach Angaben des staatlichen Fernsehens bei Straßenschlachten im Zentrum Kairos. 66 Menschen seien dort verletzt worden.

Der arabische Sender Al-Dschasira berichtete, dass Anhänger Mursis über die 6. Oktober-Brücke über den Nil in Richtung Rundfunkgebäude in der Nähe des Tahrir-Platzes gezogen seien. Dort sei es zu heftigen Straßenschlachten mit Gegnern der Islamisten gekommen. Als gepanzerte Militärfahrzeuge auffuhren, seien die Angreifer so schnell verschwunden wie sie gekommen waren.

Wie der Sprecher der Muslimbrüder, Gehad Al-Haddad, über den Kurznachrichtendienst Twitter mitteilte, wurde Al-Schater festgenommen, als dieser in Kairo seinen Bruder besuchte. Auch der Bruder des wohlhabenden Unternehmers sei von den Sicherheitskräften mitgenommen worden.

Al-Schater war von den Muslimbrüdern ursprünglich als Präsidentschaftskandidat aufgestellt worden. Nachdem die Wahlkommission ihn aus formalen Gründen von der Wahl ausgeschlossen hatte, war Mohammed Mursi in letzter Minute ins Rennen geschickt worden und hatte die Wahlen dann im vergangenen Jahr gewonnen.

Hunderte ägyptische Islamisten haben zudem den Sitz des Gouverneurs der Provinz Nord-Sinai in Al-Arisch erstürmt. 18 Menschen erlitten Schussverletzungen. Derzeit befinden sich immer noch Dutzende Islamisten in dem Amtsgebäude, wie Augenzeugen berichteten. Sie protestierten gegen die Absetzung Mursis. Die Sicherheitskräfte griffen nach eigenen Angaben nicht ein, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden.

Die Muslimbrüder riefen die Menge auf, so lange auf der Straße zu bleiben, bis Mursi wieder an der Macht sei. "Wir werden ihn (Mursi) auf unseren Schultern tragend (ins Amt) zurückbringen", rief ihr Führer Mohammed Badia Zehntausenden zu. "Wir werden für ihn unsere Seelen opfern."

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat unterdessen die Sicherheitskräfte zum Schutz der Demonstranten aufgefordert. Polizei und Militär müssten alle gewaltsamen Zusammenstöße vermeiden, erklärte Ban. Zugleich rief er das ägyptische Volk auf, "sein Recht auf Demonstrationen ausschließlich friedlich auszuüben". Er verfolge die Entwicklung in Kairo und anderen Städten mit "wachsender Sorge". Es gebe Meldungen über Menschen, die von den Sicherheitskräften getötet und verletzt wurden. "Und wir haben erschreckende Berichte über sexuelle Gewalt."

Die Armeeführung hatte Mursi am Mittwoch nach tagelangen, teils blutigen Massenprotesten gegen seine Herrschaft aus dem Amt entfernt. Sie setzte den bisherigen Präsidenten des Verfassungsgerichts, Adli Mansur, als Interimspräsidenten ein. Er soll das wirtschaftlich angeschlagene Land zu Neuwahlen führen. Mit einer seiner ersten Weisungen löste er das Parlament auf.