Ein Kommentar

Adele & Rebel Wilson: Wieso fällt ihr Gewicht bloß so ins Gewicht?

Adele und Rebel Wilson haben abgenommen und jeder hat was dazu zu sagen. Warum eigentlich?
© RTL

20. August 2020 - 10:50 Uhr

von Claudia Spitzkowski

Sängerin Adele (32) und Schauspielerin Rebel Wilson (40) haben beide abgenommen. Sehr viel. Doch am Beispiel dieser beiden prominenten Frauen zeigt sich ziemlich gut, wie sehr das Äußere einer Frau nicht nur darüber bestimmt, wie sie wahrgenommen wird, sondern auch, dass wildfremde Menschen der Ansicht sind, ihre Meinung dazu sagen zu dürfen. Können wir damit bitte endlich mal aufhören!

Adeles Gewichtsverlust war wochenlang in den Schlagzeilen

Wenigstens hat sich Eva damals im Paradies einen kalorienarmen Snack ausgesucht, als sie beherzt in den Apfel biss. Wir vermuten, dass auch der berüchtigte Paradiesapfel im Durchschnitt nur 52 Kalorien hatte. Aber ansonsten gäbe es heute, genau wie damals, vermutlich öffentliche Schelte für ihren ungezügelten Appetit. Was ist schon der Rausschmiss aus dem Paradies gegen die wirklich entscheidende Frage: Kann es sich Eva figürlich überhaupt leisten, einen Apfel zu essen?

Man sollte annehmen, dass es im Jahr 2020, in dem ein tödliches Virus grassiert, Flüchtlinge im Meer ertrinken und Rassismus in so vielen Köpfen nicht ausgestorben ist, wahrlich Wichtigeres gibt als das Gewicht einer Frau. Hello, from the other side, weit gefehlt! Sängerin Adele hat es trotz Corona geschafft, wochenlang die Schlagzeilen zu dominieren. Nicht, weil sie endlich ihr neues Album herausgebracht hätte, sondern weil sie gewagt hat, abzunehmen. Und zwar richtig viel.

Ist Adele jetzt etwa selbst ein Fat Shamer?

Adele, die all die Jahre für ihren eher kurvigen Klangkörper bekannt war, hat sich dazu entschieden, abzuspecken. Aber schon als die ersten Fotos der deutlich Erschlankten im Netz kursierten, war die Aufregung groß und das Internet diskutierte in unzähligen Tweets, Artikeln und Kommentaren über ihren neuen Körper. Ungefragt und von Adele ganz sicher nicht gewollt und gewünscht. Zumal sich proportional zu den Pfunden, die purzelten, die negativen Kommentare häuften: Das kann doch nicht gesund sein! Guck mal, wie eingefallen die jetzt aussieht! Der geht es sicher nicht gut, deshalb hat sie so viele Kilos verloren - aber kein Wunder, in der Liebe klappt's ja auch nicht bei ihr.

Natürlich gab es auch viele, die Adeles neue schlanke Figur feierten, sich aber daraufhin mit dem Vorwurf konfrontiert sahen, ob sie etwa Fat Shamer seien?! Oder ist gar Adele selbst ein Fat Shamer? Jetzt, wo sie so dünn ist und damit deutlich zeigt, dass sie sich dick offenbar nicht attraktiv fand?!

Jeder hatte plötzlich etwas zu Adeles Äußerem zu sagen. Sie selbst hat bis heute kein Wort über ihre neue Figur verloren, sieht aber auf den wenigen Fotos, die sie bei Instagram gepostet hat, sehr zufrieden (mit sich) aus. Und ganz im Ernst: Sollte es genau darum nicht gehen?

Rebel Wilson hätte nicht abnehmen dürfen, wäre es nach ihren Produzenten gegangen

Denn als Frau glücklich zu sein mit dem eigenen Körper, ist leider absolut nicht die Norm. Ich weiß, dass ich im Kreis meiner Freundinnen und Kolleginnen herumfragen könnte und mir vermutlich der Großteil sofort eine Liste von all den Dingen runter rattern könnten, die sie an sich nicht mögen. Ganz weit vorne dabei der Satz "Ich bin zu dick". Weil Äußerlichkeiten wie unser Gewicht leider auch 2020 immer noch maßgeblich darüber entscheiden, wie andere uns wahrnehmen. Und wie verletzend sie teilweise mit uns umgehen. In unseren Breitengraden gilt nun einmal: Schlank = attraktiv(er). Und disziplinierter. Schönen Gruß an Eva, lass den Apfel mal schön am Baum hängen. Das sind 52 Kalorien zu viel.

In den sozialen Medien, im TV und im Kino wird es uns schließlich auch so vorgelebt. In Liebeskomödien ist die weibliche Hauptfigur schlank. Ihre beste Freundin ist oft pummelig und nur für die Lacher gut, aber meist nicht für die Romantik. US-Schauspielerin Rebel Wilson hat genau diese Rolle oft in Filmen wie "Pitch Perfect" verkörpert. Und wäre es nach diversen Filmproduzenten gegangen, wäre sie auch für den Rest ihrer Karriere die drollige Dicke geblieben, denn die Herren legten ihr nahe, bloß nicht abzunehmen und boten ihr sogar Geld dafür, wenn sie dick bleibt. Bedeutet: Uns ist egal, wie viel Talent und Ausstrahlung du hast, in erster Linie reduzieren wir dich auf dein Äußeres. Und darüber möchten wir auch noch bestimmen dürfen. Obwohl es uns Nullkommanix angeht, wie viel du wiegst.

Rebel hat irgendwann drauf gepfiffen und beschlossen, abzunehmen. Gut so. Aber vermutlich bleibt bei ihr trotz aller Freude über die gepurzelten Pfunde jetzt der fade Beigeschmack, dass ihr persönlicher Diäterfolg für sie ein Misserfolg beim nächsten Casting bedeuten könnte. Fazit: Du kannst nicht gewinnen, irgendwas ist immer. Davon kann jetzt vermutlich auch Adele ein Lied singen. Gerne auf ihrem neuen Album. Wenn es denn endlich käme.

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Es ist doch nicht das Gewicht, das Adele und Rebel Wilson ausmacht

Es wäre wirklich wünschenswert, wenn das Gewicht einer Frau 2020 einfach gar kein Diskussionsthema mehr wäre. Und wenn wir doch meinen, unbedingt über Adeles und Rebels Diäterfolge reden zu wollen, dann sollten wir sie dafür bewundern, was sie mit hartem Training und diszipliniertem Essen geleistet haben. Und uns mit ihnen freuen, dass sie für sich etwas erreicht haben, das sie offenbar glücklich macht. Das Gewicht einer anderen Person geht mich höchstens dann was an, wenn ich in einem völlig überfüllten Fahrstuhl fahre, in dem acht Personen mit einem Gesamtgewicht von 500 Kilo zugelassen sind. Aber selbst in dieser Lage ist es weder höflich noch ratsam, öffentlich darüber zu diskutieren, wer hier jetzt am meisten wiegt und daher bitte aussteigen soll.

Statt Adele und Rebel weiterhin auf ihre äußerlichen Veränderungen zu reduzieren, sollten wir uns doch einfach auf das konzentrieren, was die Damen wirklich ausmacht. Zum Beispiel die unfassbar vielen Preise (9 Brit Awards! 15 Grammys! Und sogar ein Oscar!) die Adele dank ihrer Ausnahmestimme bereits gewonnen hat. Oder, dass sie ihren Sohn Angelo seit der Trennung von ihrem Mann allein großzieht. Und Rebel Wilson schreibt übrigens selber Drehbücher und sitzt in der Jury, die jedes Jahr über die Oscar-Preisträger entscheidet. Vielleicht bekommt sie ja irgendwann einen eigenen Oscar. Als weibliche Hauptrolle in einer ernsten Rolle. Mit viel Romantik und ohne pummeligen Sidekick für die Lacher. Fände ich ziemlich paradiesisch.

Im Video: Warum Rebels Abnehmefolg ihrer Karriere schaden könnte