Abitur nach neun Jahren: Volksbegehren gegen das Turbo-Abi in NRW

Schüler halten ein Plakat gegen G8 hoch.
Kann das Turbo-Abi abgeschafft werden?
rwe wst maf, dpa, Roland Weihrauch

Bürgerbegehren hat begonnen

Schüler sollen in Nordrhein-Westfalen wieder, wie früher üblich, in neun und nicht in acht Jahren das Abitur am Gymnasium ablegen. Das fordert ein Bürgerbegehren, dessen Listen seit Donnerstag in den Rathäusern ausliegen. Außerdem sammeln die Eltern der Initiative "G9 jetzt" Unterschriften auf den Straßen und im Internet. Das Turbo-Abitur in acht Jahren halten sie für gescheitert. Haben sie damit Recht?

Nur Stress - oder auch Vorteile?

Das Turbo-Abitur ist seit seiner landesweiten Einführung im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends umstritten. Und zwar zu Recht. Es begann damit, dass die Lehrpläne nicht mit Verstand umgestaltet, sondern nur irgendwie umgemodelt wurden. Im Laufe der Jahre ist es nicht besser geworden. Den Schülern muss der Stoff, der vorher in neun Jahren gelehrt wurde, einfach im Schnelldurchgang eingetrichtert werden. Für die Schüler bedeutet das Stress und lange Unterrichtstage, für engagierte Lehrer Frust. Denn es bleibt kaum Zeit, Themen zu vertiefen. Der Stoff muss durchgepeitscht werden, vieles bleibt an der Oberfläche.

Man muss wissen: Das Turbo-Abitur hat keinen pädagogischen Hintergrund, sondern einen rein ökonomischen. Schüler sollen vor allem schneller ins Berufsleben gelangen und schneller Steuern zahlen. Nebenher werden an Gymnasien Kosten eingespart, da die 13. Klasse weggefallen ist.

Das Bildungsniveau ist durch G8 nicht besser, sondern schlechter geworden. Wissenschaftler berichten, dass das Abstraktions-Vermögen der Studienanfänger arg gelitten habe. "Es fehlt an dem, was man früher Reife nannte, also Weltwissen, an sozialen Erfahrungen. Texte werden sehr schlicht interpretiert, sehr autoritätsgläubig. Eigene Fragestellungen fehlen, Mitschreiben ist wichtiger als Mitdenken", sagte Volker Ladenthin, Erziehungswissenschaftler an der Universität Bonn, der 'Wirtschaftswoche'. Wen wundert es? Zeit zum Mitdenken bleibt den Turbo-Abiturienten nicht. Der viele Unterrichts-Stoff muss schnell in den Kopf und reproduziert werden.

Noch nicht einmal die Sache mit dem früheren Eintritt ins Berufsleben haut hin. Denn viele Schüler sind nach dem Turbo-Abi so erledigt, dass sie ein Jahr lang durch die Welt reisen oder gar nichts tun. Wer will es ihnen verdenken?

Falls jemand dennoch meint, sein Kind sei so gut in der Schule, dass es das Abitur unbedingt in acht Jahren machen müsse, weil es sonst unterfordert sei, sollte er wissen: Besonders gute Schüler hatten schon immer die Möglichkeit, eine Klasse zu überspringen. Das würde sich bei einer Rückkehr zu G9 nicht ändern.

Das Turbo-Abitur ist Quälerei für die Mehrheit der Schüler und Lehrer. Es ist an der Zeit, ihnen wieder mehr Zeit für Bildung einzuräumen.

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