Abdelhamid Abaaoud: Wer war der mutmaßliche Kopf hinter den Terroranschlägen von Paris?

20. November 2015 - 12:10 Uhr

Von Philipp Brandstädter

Er gilt als Drahtzieher der Anschläge in Paris: Abdelhamid Abaaoud. Ein 28-jähriger Belgier mit marokkanischen Wurzeln, der sich scheinbar erst spät radikalisierte. "Er hat eine häufig anzutreffende terroristische Karriere", sagt RTL-Terror-Experte Michael Ortmann und fügt an: "Die Anfangsjahre waren noch nicht religiös geprägt, so beschreibt ihn seine Schwester. Da war er sehr unauffällig, wird eher als zurückhaltend beschrieben."

Aufnahme von Abaaoud
Abaaoud wurde in Brüssel bereits wegen Rekrutierung für den Krieg in Syrien verurteilt - in Abwesenheit.
© dpa

Er wuchs im Brüsseler Stadtteil Molenbeek mit fünf Geschwistern auf. Sein Vater betreibt dort ein Geschäft. Er sagte der belgischen Zeitung 'La Derniere Heure', Abaaoud sei ein guter Sohn und Geschäftsmann gewesen. Er verstehe nicht, wieso Abaaoud Belgier töten wollte. Er und seine Familie hätten Belgien alles zu verdanken.

Was bringt einen unauffälligen jungen Mann dazu, sich zu radikalisieren? Wie kommt er an den Punkt, an dem er bereit ist, 129 Menschen zu töten? Bei Abaaoud ist die erste bekannte Station die extremistische belgische Gruppierung 'Scharia4Belgium', die für den Syrien-Krieg rekrutiert. Wer ihn überzeugte oder wie er rekrutiert wurde, ist unbekannt. "Irgendwann taucht er dann auf einmal in Syrien auf, an vorderster Front", sagt Ortmann.

In Syrien tritt er in brutalen Videos des IS auf. Er nennt sich selbst Abou Omar al-Baldschiki, übersetzt: der Belgier. In einem Video zieht er in einem Geländewagen Leichen hinter sich her. In einem anderen ruft er Muslime zum Dschihad auf: "Sicher, es ist keine Freude, Blut zu vergießen. Aber von Zeit zu Zeit ist es nett, das Blut der Ungläubigen zu sehen." Gleichzeitig versichert seine Schwester der 'New York Times', dass er mit Religiosität früher nichts zu tun hatte und auch keine Moscheen besuchte.

Behörden hatten ihn im Visier

Abdelhamid Abaaoud mit Koran und IS-Fahne
Abdelhamid Abaaoud posiert in Syrien mit Koran und IS-Flagge
© dpa, Dabiq

Schließlich bringt er im vergangen Jahr laut übereinstimmenden Medienberichten auch noch seinen erst 13-jährigen Bruder dazu, ihm nach Syrien zu folgen. Die Spur der beiden verliert sich. Nach Informationen der 'New York Times' erhielt die Familie vergangenen Herbst Anrufe, in denen behauptet wurde, Abaaoud sei zum Märtyrer geworden. Das hätte bedeutet, er ist tot. Vermutlich sollten so aber nur die Behörden von seiner Spur abgebracht werden.

Denn er wird schon lange gesucht. In Brüssel wurde er vergangenen Juli in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Die Polizei fahndet bereits seit dem vereitelten Terroranschlag und dem Anti-Terror-Einsatz im Januar nach dem Islamisten. Zwei mutmaßliche Terroristen tötet die Polizei damals im belgischen Verviers. Abaaoud soll der Kopf der dreiköpfigen Terrorzelle gewesen sein, wird aber nicht gefasst.

Laut der Agentur AP wird er auch mit zwei weiteren vereitelten Anschlägen in Verbindung gebracht. Zum einen mit der Attacke im Hochgeschwindigkeitszug Thalys auf dem Weg nach Paris, die im August durch eingreifende Passagiere verhindert wurde. Und zum anderen mit den im April gescheiterten Anschlägen auf Kirchen in der Nähe von Paris.

"Fest steht: Er ist seit geraumer Zeit eine Größe im internationalen Terrorismus. Er gilt als sehr radikal, sehr rücksichtslos, zu allem entschlossen", sagt Ortmann. "Er ist schon seit geraumer Zeit im Visier der internationalen Terrorfahndung. Wir wissen, dass beispielsweise die USA schon Jagd auf ihn in Syrien gemacht haben." Offenbar erfolglos. Noch im Februar erscheint ein Interview mit ihm in der Onlinezeitung 'Dabiq' des IS. Darin spricht er offen über seine Absicht, möglichst viele Westler zu töten.

Doch weder in Syrien noch in Europa gelingt es den Sicherheitsbehörden, den meistgesuchten Islamisten Belgiens zu fassen. Der IS-Experte Charlie Winter vermutet in der englischen Zeitung 'Independent', dass Abaaoud bereits Erfahrung bei der Organisation von Terroranschlägen hatte. Die Polizei tötete den mutmaßlichen Kopf hinter den Pariser Anschlägen bei einer Razzia in einer Wohnung im Pariser Vorort Saint-Denis. Dabei war es zu heftigen Schusswechseln und einer Detonation gekommen. Nach der Untersuchung der Leiche bestätigte die Pariser Staatsanwaltschaft den Tod Abdelhamid Abaaoud.