Sternstunde im deutschen Sport

9. Juli 1989: Steffi Graf und Boris Becker triumphieren in Wimbledon

Wimbledon-Sieger 1989 Graf und Becker
Wimbledon-Sieger 1989 Graf und Becker
© dpa, PA, h_gr hak nic

09. Juli 2019 - 11:42 Uhr

Deutsche Tennis-Legenden auf dem Tennis-Olymp

Es war ein Tag, an dem Sport-Deutschland stillstand: Binnen weniger Stunden erklimmen Steffi Graf und Boris Becker in Wimbledon den Tennis-Olymp. Steffi gerade einmal 20, Boris 21 Jahre alt. Erstmals in der 112-jährigen Geschichte Wimbledons gehen die begehrtesten Einzeltrophäen des Welttennis beide nach Deutschland. Heute vor 30 Jahren. Am 9. Juli 1989. Vielleicht einer der größten Tage in der deutschen Sportgeschichte.

Steffi Graf kämpft mit den Tränen

Um 15.40 Uhr tönte es vom Centre Court – "Game, set, match, Miss Graf". Sie hatte es geschafft. "Fräulein Forehand". In einer Neuauflage des Vorjahresendspiels rang die damalige Nummer 1 der Welt ihre Erzrivalin Martina Navratilova mit 6:2, 6:7, 6:1 nieder. Laut. Emotional. Es war ein ungewohnt leidenschaftlicher Auftritt der sonst eher unterkühlten (im besten Sinne) "Tennis-Maschine" bei ihrem zweiten Wimbledon-Sieg. Fünf weitere sollten folgen.

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Nach dem Matchball saß Deutschlands Tennis-Legende schluchzend in ihrem Stuhl. Selbst bei der Siegerehrung kämpfte Graf immer noch mit den Tränen. Vor den Augen von Millionen. 10 Millionen Deutsche verfolgten an jedem Tag die Finalspiele ihrer Tennis-Helden. Und das obwohl Rechteinhaber RTL nur in etwa der Hälfte der TV-Haushalte zu empfangen war. Ja, es waren andere Zeiten.

"Es war eine andere Zeit"

"Man kann es sich gar nicht vorstellen, aber damals war es fast normal, dass zwei deutsche Spieler in Wimbledon, der inoffiziellen Weltmeisterschaft im Tennis, gewinnen können. Beide, Steffi und Boris, waren damals für mich die Favoriten. Es war eine andere Zeit", sagte Günther Bosch, Beckers Entdecker und langjähriger Trainer.

Nur wenige Minuten, nachdem Graf den Platz verlassen hatte, betrat Boris Becker die Weltbühne des Tennis. Ein Umstand, der sich dem launischen englischen Wetter verdankte. Ein London-typischer Landregen hatte den Spielplan in den Tagen zuvor derart durcheinander gewirbelt, dass das Endspiel der Männer und Frauen an einem Tag ausgetragen werden musste. Am 9. Juli hatte der Wettergott ein Einsehen.

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"Bum-Bum-Boris" fegt Stefan Edberg weg

Für Becker war der Gang auf den Centre Court beinahe Routine. Zum vierten Mal betrat er unter den Augen des Herzogs und der Herzogin von Kent in der royalen Loge den Centre Court. Und an diesem Tag hatte er eine Rechnung zu begleichen.

Wie im Vorjahr traf "Bum-Bum-Boris" auf seinen Dauerrivalen Stefan Edberg. Von Titelgier beseelt, fegte der Leimener den Schweden mit 6:0, 7:6, 6:4 vom Platz. Ein Sieg des Willens. Keine Tränen. Kein Lächeln. Minutenlang verharrte er nach dem Matchball auf seinem Stuhl. Vielleich hatte er eine Vorahnung. Es sollte nach 1985 und 1986 sein letzter Triumph in seinem heiß geliebten "Wohnzimmer" sein. Aber ein geschichtsträchtiger.

"Deutsche Stunde in Wimbledon"

Ob Bundeskanzler Helmut Kohl, ob Bundespräsident Richard von Weizsäcker, die Republik telegraphierte Glückwünsche an die jungen Sport-Helden. "Göttertennis" titelte die "Bild"-Zeitung. "Le Figaro" in Paris schrieb "Deutsche Stunde in Wimbledon" und die englische "Sun" brachte es auf die Formel "Double Deutsch". "Das englische Königshaus sollte doch jetzt besser ein wenig Deutsch lernen. Das würde Ihnen künftig die Unterhaltung mit den Gewinnern erleichtern", meinte die Zeitung "Baltimore Sun".

Leider war das nicht vonnöten. Fünf Minuten nach dem Matchball setzte in London im Übrigen wieder der Regen ein.