Drei Menschen binnen zwei Wochen vor Züge geschubst

Psychologe erklärt: Was geht im Kopf von Nachahmungstätern vor?

© dpa, Frank Rumpenhorst, fru rho

30. Juli 2019 - 10:01 Uhr

Handelt es sich in Frankfurt um einen Nachahmungstäter?

Am Frankfurter Hauptbahnhof werden ein kleiner Junge und seine Mutter vor einen einfahrenden ICE gestoßen. Die Mutter kann sich gerade noch rechtzeitig zur Seite rollen, das Kind stirbt. Vor nur knapp einer Woche wird eine Frau in Voerde ebenfalls vor einen einfahrenden Zug gestoßen und stirbt. Noch hat sich die Polizei nicht zum Motiv des Täters geäußert. Der Psychologe Prof. Dr. Thomas Bliesener erklärt, was Nachahmungstäter motiviert.

von Lauren Ramoser

Psychologe: Täter vermutlich psychisch labil und geltungssüchtig

"Ein gesunder Mensch macht das natürlich nicht", schätzt Prof. Bliesener ein. "Bei den allerallermeisten funktionieren die natürlichen Hemmungen. Aber es gibt natürlich immer wieder Personen, die sind psychisch sehr labil, oder die haben eine besondere Geltungssucht und dann setzt so die Kontrolle manchmal aus. Und wenn alles schief läuft, kann es dazu kommen, dass jemand so eine schlimme Tat begeht."

Im Gegensatz zu aufwendig geplanten Verbrechen, ist der Schubs vor einen Zug nicht kompliziert auszuführen. "Doch tatsächlich zeigen uns diese Fälle, wenn mal jemand etwas Besonderes mit jemandem macht, dann ist diese Handlungsoption plötzlich im Kopf drin und bei nächster möglicher Gelegenheit machen das dann manche", so Prof. Bliesener.

Geltungssucht, Medienrummel oder Handlungsvorbild?

Die Psychologie unterscheidet drei Arten von Nachahmungen. Die Autoaggression richtet sich gegen sich selbst. Das bekannteste Beispiel ist Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werthers", dessen Hauptfigur sich am Ende des Romans das Leben nimmt. Daraufhin gab es einen Aufschrei in der Bevölkerung, weil plötzlich viele junge Männer darin einen Ausweg aus ihrer scheinbar misslichen Lage sahen. Noch heute wird das als Werther-Effekt bezeichnet. "Der Todeswunsch ist in diesen Fällen meistens schon da, was fehlte war die Idee, wie man es machen könnte", erklärt Prof. Dr. Thomas Bliesener.

Bei Straftaten wie Raub oder Diebstahl ist das Bedürfnis meistens schon da – was fehlt, ist auch hier der Modus Operandi, also die Frage nach dem Wie. "Das bekannteste Beispiel dafür ist Dagobert, der damalige Karstadt-Erpresser, der sich auf sehr findige Art und Weise Prozedere ausgedacht hat, wie man die Geldübergabe machen kann", so Prof. Bliesener. "Und da hat die Polizei schnell gelernt, nicht zu berichten, um Nachahmungen zu vermeiden."

Der dritte Antrieb von Nachahmern ist das Geltungsbedürfnis. "Das gilt beispielsweise für Steinewerfer von Autobahnbrücken, wo Leute durch ihre Tat auch mal in der Presse erscheinen wollen", sagt Prof. Bliesener.

Lassen sich Nachahmungen verhindern?

Auch wenn also nicht viele Menschen zu Nachahmern werden, lässt sich das Risiko vor allem durch bewusste Berichterstattung verringern. "Die Polizei berichtet beispielsweise nicht über die Geldmaschinen-Sprenger. Etwa welche Geräte besonders anfällig sind. Auch im Cyberbereich wird nicht genau gesagt, wie der Täter vorgegangen ist", erklärt Prof. Bliesener.

  • Oberster Leitsatz in der Berichterstattung: Nicht den Täter glorifizieren!

"In einem Fall, wie diesem empfiehlt es sich immer die Opferseite zu beleuchten und nicht die des Täters. Also, die Konsequenzen beleuchten und berichten, dass ihm die Polizei schon ganz dicht auf den Fersen ist. Damit nicht andere auf die Idee kommen, dass man so etwas machen könnte und dann in der Anonymität der anderen Fahrgäste verschwinden könnte", macht Prof. Bliesener deutlich.

Telefonseelsorge:

Wenn Sie Selbstmord-Gedanken haben, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge (www.frnd.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erreichen Sie Menschen, die Ihnen die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.