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56 Sekunden fehlen zum Eishockey-Wunder - Deutschland verliert Finale im Sudden-Death

Ice Hockey - Pyeongchang 2018 Winter Olympics - Men's Final Game - Olympic Athletes from Russia v Germany - Gangneung Hockey Centre, Gangneung, South Korea - February 25, 2018 - Goaltender Danny Aus Den Birken of Germany lets in a goal from Kirill Ka
Danny aus den Birken kann den Siegtreffer von Kirill Kaprizov nicht verhindern. © REUTERS, DAVID W CERNY, DN/

56 Sekunden fehlen zu Gold

Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft hat das Wunder von Pyeongchang denkbar knapp verpasst. Das Team von Bundestrainer Marco Sturm verlor das olympische Finale gegen die Olympischen Athleten aus Russland mit 3:4 nach Verlängerung. Dabei sah der Außenseiter bis 56 Sekunden vor Schluss bereits wie der Sieger aus, ehe der Favorit aus Russland die Overtime erzwang und im Sudden-Death Gold holte.

Nackenschlag 0,5 Sekunden vor der Pause

25.02.2018, Südkorea, Gangneung: Olympia, Eishockey, Herren, Finale, OAR - Deutschland, Gangneung-Hockey-Zentrum: Wjatscheslaw Wojnow (2.v.l.) vom Team Olympische Athleten aus Russland (OAR) erzielt gegen Torwart Danny aus den Birken  (hinten r ) den
Vyacheslav Voinov netzt 0,5 Sekunden vor der Pause zur russischen Führung ein. © dpa, Petter Arvidson, zeus nic

Deutschland präsentierte sich wie in den Spielen zuvor defensiv kompakt und gut organisiert. Die Russen hatten zwar mehr vom Spiel, aber klare Chancen wusste das DEB-Team zu verhindern. Erst als Fahnenträger Christian Ehrhoff (12.) wegen Hakens in die Kühlbox musste, wurde es erstmals brandgefährlich, aber Keeper Danny aus den Birken parierte glänzend gegen den russischen Shooting-Star Kirill Kaprizov (14.).

Als es schon nach einem 0:0 zur Pause aussah, schlug die 'Sbornaja' zu. Nikita Gusev bediente seinen St. Peterburger Teamkollegen Vyacheslav Voinov und der Verteidiger hämmerte den Puck per Direktabnhame 0,5 Sekunden vor Drittelende in die Maschen. Bei 13:6-Schüssen im ersten Drittel allerdings auch eine verdiente Führung für den Favoriten.

Schütz bringt Deutschland zurück

25.02.2018, Südkorea, Gangneung: Olympia, Eishockey, Herren, Finale, OAR - Deutschland, Gangneung-Hockey-Zentrum: Goalie Wassili Koschetschkin (83) und Bogdan Kisselewitsch vom Team Olympische Athleten aus Russland (OAR) können das Tor von Felix Schu
Der russische Goalie Vasili Koshechkin fälscht einen Pass von Felix Schütz ins eigene Tor: 1:1. © dpa, Julio Cortez, MS, jbu

Aber die deutsche Eishockey-Auswahl kam keineswegs geschockt aus der Kabine. Das Team von Bundestrainer Marco Sturm blieb seiner Linie treu. Mit hartem Körperspiel brachten die deutschen Kufen-Cracks die Russen zeitweise aus dem Konzept. Zudem erabreitete sich das DEB-Team zunehmend eigene Chancen.

In der 30. Minute dann die faustdicke Überraschung. Mit dem Glück des Tüchtigen setzte sich Felix Schütz über die rechte Seite durch, bediente Patrick Hager in der Mitte, doch bevor der Münchner an den Puck kam, fälschte Torwart Vasili Koshechkin die Scheibe ins eigene Tor. Da es im Eishockey keine Eigentore gibt, wurde der Treffer dem Angreifer der Kölner Haie gutgeschrieben. Allerdings mussten die Deutschen noch kurz zittern: Die Schiedsrichter bemühten den Videobeweis, um zu überprüfen, ob Hager den Puck per Schlittschuh ins Tor befördert hatte, gaben das Tor aber schließlich: vollkommen zurecht.

Direkt nach dem Ausgleich musste Patrick Reimer wegen Hakens auf die Strafbank. Aber Deutschland präsentierte sich gegen das starke Powerplay der Russen hervorragend, blieb auch diesmal ohne Gegentor.

Überhaupt gelang es dem Außenseiter das Spiel nun ausgeglichener zu gestalten. Russland wurde nur noch einmal wirklich gefährlich, aber Yannic Seidenberg verhinderte den Querpass vor dem eigenen Tor bei einer Zwei-aus-Eins-Situation (37.). So ging es mit 1:1 in die Kabine.

56 Sekunden vor Schluss: Gusev erzwingt die Overtime

25.02.2018, Südkorea, Gangneung: Olympia, Eishockey, Herren, Finale, OAR - Deutschland, Gangneung-Hockey-Zentrum: Nikita Gussew (97), Andrej Subarew, Pawel Dazjuk und Krill Kaprisow vom Team Olympische Athleten aus Russland (OAR) jubeln nach dem Tref
Nikita Gusev erzwingt 56 Sekunden vor Schluss die Verlängerung. © dpa, Michael Kappeler, jbu

Im Schlussabschnitt entwickelte sich ein Spiel auf Augenhöhe. Deutschland verstand es weiterhin die Russen aus dem Spiel zu nehmen. Es ging auf und ab, ohne dass der Favorit zu klaren Chancen kam.

Spektakulär verlief dann die 54. Spielminute: Zunächst brachte Gusev die Olympischen Athleten aus Russland mit einem Schuss aus spitzem Winkel in Führung, ehe Deutschland durch Dominik Kahun nur 10 Sekunden später den erneuten Asugleich erzielte.

Das DEB-Team trat nun mit ganz breiter Brust auf. Russland hingegen wirkte entnervt. Und dann kam der große Auftritt von Jonas Müller: Der Verteidiger von den Eisbären Berlin bekam den Puck an der blauen Linie, hatte überraschend viel Zeit und schlenzte die Scheibe durch die Hosenträger des Goalie ins russiche Tor (57.). Der Jubel bei den deutschen Fans war euphorisch, aber noch waren drei Minuten zu spielen.

Zunächst sah es noch besser für das DEB-Team aus. Russland kassierte eine Strafzeit durch Sergei Kalinin wegen Beinstellens. Damit hatte Deutschland eigentlich die Chance, im Powerplay alles klar zu machen, aber der russische Trainer Oleg Snarok ging volles Risiko und nahm den Torhüter zugunsten eines weiteren Feldspielers vom Eis. Mut, der belohnt wurde: Gusev erzwang mit seinem zweiten Tor nur 56 Sekunden vor Schluss die Overtime.

Ein Powerplay zu viel: Kaprizov schießt Russland zu Gold

Ice Hockey - Pyeongchang 2018 Winter Olympics - Men's Final Match - Russia - Germany - Gangneung Hockey Centre, Gangneung, South Korea - February 25, 2018 - Olympic Athlete from Russia Kirill Kaprizov reacts with teammates after scoring a goal. REUTE
Siegtorschütze Kirill Kaprizov springt seinen jubelnden Teamkollegen in die Arme. © REUTERS, KIM KYUNG-HOON, NL

Im Gegensatz zum Viertelfinale, als Deutschland gegen Schweden in der Overtime gewonnen hatte, war die Verlängerung im Finale auf 20 Minuten angesetzt. 20 Minuten Sudden-Death, 20 Minuten zittern für Gold, 20 Minuten im 4 gegen 4. Das nächste Tor entschied über Sieg oder Niederlage. Aber es war unglaublich, dass das DEB-Team gegen die übermächtigen Russen überhaupt so weit gekommen war. Der Druck lag bei den Russen.

Entsprechend verhalten gingen die Teams zu Beginn der Overtime zu Werke. Zunächst wollte keiner den entscheidenden Fehler machen. Die Spannung war praktisch mit Händen greifbar. In der 67. Minute dann der erste Schreckmoment für Deutschland. Superstar Ilya Kovalchuk tauchte alleine vor dem deutschen Tor auf, umkurvte aus den Birken, aber irgendwie brachte der deutsche Goalie seine linke Schiene dazwischen und vertagte die Entscheidung.

In der 70. Minute musste Reimer wegen hohen Stocks in die Kühlbox: 4 gegen 3 Überzahl für die technisch so starke 'Sbornaja'. Eine Unterzahlsituation, die das olympische Finale entschied. Die Russen ließen die Scheibe schnell laufen und Youngster Kaprizov schlug mit einer Direktabnahme von der rechten Seite zu. Russland hatte das erste olympische Gold seit 1992 gewonnen, aber Deutschland war das Team, das tatsächlich Historisches erreicht hatte. Eine Silbermedaille für die Geschichtsbücher.

Russland ein anderes Kaliber

GANGNEUNG, SOUTH KOREA - FEBRUARY 25:  Gold medal winner Pavel Datsyuk #13 of Olympic Athlete from Russia celebrates after defeating Germany 4-3 in overtime during the Men's Gold Medal Game on day sixteen of the PyeongChang 2018 Winter Olympic Games
Pavel Datsyuk ist nach dem Finalsieg Mitglied im Triple-Gold-Club (Olympia-Gold, Weltmeister und Stanley-Cup-Sieger). © Getty Images, Bongarts, ml

Rein sportlich kann man die Leistung der deutschen Mannschaft in diesem Finale kaum hoch genug einordnen. Schließlich traf das DEB-Team mit den Olympischen Athleten aus Russland auf eine wahre Übermacht. Denn im Gegensatz zu den Schweden und Kanadiern, die mit Legionären aus größtenteils "zweitklassigen" europäischen Ligen ähnlich der DEL angetreten waren, war das russische Team ausschließlich mit Profis aus der KHL besetzt. Eine Liga, in der ähnliche Gehälter bezahlt werden wie in der NHL, wodurch einige Topstars den Weg zurück in die Heimat gefunden haben. Zudem spielen Weltklasse-Akteure wie Pavel Datsyuk, Vadim Shipachyov, Kovalchuk oder Gusev gemeinsam bei SKA St. Petersburg und sind entsprechend eingespielt. Demnach war Russland das Team, welches das Fehlen der NHL-Stars bei Olympia am besten kompensieren konnte.

Dementsprechend traten die deutschen Eishockey-Helden nach dem verlorenen Endspiel mit breiter Brust vor die TV-Kameras: "Wenn wir mal auf das gesamte Turnier zurückblicken, dann können wir unglaublich stolz sein, was wir hier mit der Mannschaft erreicht haben", sagte Führungsspieler Ehrhoff. Teamkollege Gerrit Fauser stimmte mit ein: "In ein paar Stunden, in ein paar Tagen werden wir verstehen, was wir geleistet haben für unser Land und für das Hockey. Wir werden in der Kabine noch kurz traurig sein, dann werden wir ein bisschen feiern."

Bundestrainer Sturm zollte seinen Spielern nach dem Spiel den verdienten Respekt: "Wir waren eben tatsächlich mehr frustriert als  glücklich. Aber es war ein weiteres großartiges Spiel. Meine Spieler haben wieder Charakter gezeigt, sie sollten sehr stolz auf sich sein. Sie bringen Silber mit. Spätestens, wenn sie zu Hause mit Silber aufwachen, werden sie verdammt stolz sein."

Aus den Birken zum besten Torhüter des Turniers gewählt

GANGNEUNG, SOUTH KOREA - FEBRUARY 25: Silver medal winners Frank Mauer #28, Danny Aus Den Birken #33 and Yannic Seidenberg #36 of Germany react during the medal ceremony for the Men's Gold Medal Game against Olympic Athletes from Russia on day sixtee
Danny aus den Birken wurde vom Weltverband IIHF zum besten Torhüter des Turniers gewählt. © Getty Images, Bongarts, ml

Eine besondere Ehre wurde dann noch Torhüter aus den Birken zuteil. Der Keeper von Red Bull München wurde vom Eishockey-Weltverband IIHF zum besten Torhüter des olympischen Turniers in Pyeongchang gewählt. Der 33-Jährige hatte sich im Turnierverlauf stetig gesteigert und war maßgeblich am Finaleinzug der deutschen Mannschaft beteiligt. "Vielleicht hat ja Hollywood Lust, einen Film über uns zu machen. Ich möchte nur, dass Brad Pitt mich dann spielt", witzelte aus den Birken nach seiner Auszeichnung.

Im von Journalisten auserkorenen Allstar-Team des Turniers befindet sich hingegen kein Spieler der DEB-Auswahl. Vier der sechs gewählten Spieler stammen aus dem OAR-Team: Torhüter Koshechkin, Verteidiger Voinov, sowie die Stürmer Kovalchuk, der auch zum MVP gewählt wurde, und Datsyuk. Dazu wurden der kanadische Verteidiger Maxim Noreau und der finnische Stürmer Eli Tolvanen für das Team auserkoren.

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