3. Prozesstag im Fall Tugce: Freundin spricht von üblen Beschimpfungen

17. Juni 2015 - 14:28 Uhr

"Ich habe so etwas noch nie gehört"

Am dritten Prozesstag um den gewaltsamen Tod von Tugce sagte eine ihrer Freundinnen erneut vor dem Landgericht in Darmstadt aus. Der 18-jährige Sanel M. ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Nach Aussagen der Freundin hätten er und seine Kumpels in der Tatnacht bereits vor den Toiletten des Schnellrestaurants in Offenbach Tugce und ihre Freundinnen angepöbelt. "Es wurden üble Beleidigungen ausgesprochen. Ich habe so etwas noch nie gehört", sagte die 21-jährige Studentin.

Zusammen mit Tugce habe sie auf der Toilette nach zwei betrunkenen Mädchen gesehen, die von Sanel M. und zwei Freunden belästigt worden sein sollen. Daraufhin hätten sich Tugce und ihre Freundinnen zwar wortstark gewehrt, allerdings deutlich weniger aggressiv.

"Halt die Fresse", soll Tugce auf die Beschimpfungen des Angeklagten hin gesagt haben. Den Schlag hat die Zeugin nach eigener Aussage zwar nicht gesehen, sie will ihn aber gehört haben. "Das war ein Geräusch so laut, als ob jemand einen Fernseher aus dem Fenster wirft."

Richter glaubt an Absprache der Zeuginnen

Eine weitere Freundin erklärte vor Gericht, dass die Gruppe von Tugce "mit Beleidigungen regelrecht bombardiert worden" sei. Auch sie bestätigte, dass Tugce zurückgepöbelt habe, allerdings erst nachdem sich die Beschimpfungen gegen die Eltern gerichtet hätten.

Die Freundinnen erklärten übereinstimmend, sich nicht im Detail miteinander über die verhängnisvolle Nacht unterhalten zu haben. Der Vorsitzende Richter Jens Aßling bezweifelte dies jedoch. Er glaubt an eine Absprache der Freundinnen, da die Unterlagen über die polizeilichen Vernehmungen deutliche Übereinstimmungen vorweisen. "Das spricht doch dafür, dass man sich unterhält, bevor man zur Polizei geht."

Ein Freund des Angeklagten meinte, Tugce habe ihren gewaltsamen Tod selbst ausgelöst. Der 18-Jährige habe erzählt, ihm sei wegen massiver Pöbeleien die Sicherung durchgebrannt, sagte der 19 Jahre alte Zeuge. In der Toilette habe es überhaupt keinen Streit gegeben. "Das war eher eine lockere Stimmung."

Der Vorsitzende Richter ließ erkennen, dass er an der Aussage des jungen Mannes Zweifel habe. Ein weiterer Zeuge aus der Gruppe um den Angeklagten verstrickte sich in Widersprüche. "Das stimmt weder vorne noch hinten", meinte Aßling zu den Aussagen.

Sanel M. hatte bereits zu Beginn des Prozess eingeräumt, Tugce geschlagen zu haben. Ihm drohen sechs Monate bis zehn Jahre Haft, wenn er nach Jugendstrafrecht verurteilt wird. Nach dem Erwachsenenstrafrecht muss er mit mindestens drei Jahren rechnen. Der Prozess soll an diesem Freitag fortgesetzt werden.Das Urteil soll Mitte Juni fallen.